„Alpine Divorce“ oder: So bleiben alle gemeinsam sicher am Berg
Auf sozialen Medien wird gerade viel über „Alpine Divorce“ diskutiert. Hintergrund ist die Tragödie am österreichischen Grossglockner, bei der ein Mann im Januar 2025 seine Partnerin an einem ausgesetzten Grat zurückliess und die Frau erfror. Die Aufarbeitung des Falls und der Gerichtsprozess im Frühjahr 2026 haben eine intensive Diskussion losgetreten über Verantwortung in den Bergen.
Ich will mich in diesem Beitrag weder profilieren noch Reichweite verschaffen durch eine Tragödie, die eine Frau mit ihrem Leben bezahlte. Ich will auch keine Urteile fällen über die beteiligten Personen. Ich möchte mich als weibliche Bergsportlerin an der sinnvollen und wichtigen Diskussion beteiligen, was es braucht, dass Abenteuer am Berg sicher im Tal enden.
Vorab: Ich bin keine Bergführerin und keine krasse Alpinistin. Ich bin eine leidenschaftliche Berggängerin, die sich gerade durch die verschiedenen Laienausbildungen arbeitet, um irgendwann anspruchsvolle Wanderungen und (Ski-)Hochtouren selbständig machen zu können. Ich habe noch nie eine „Alpine Divorce“ erlebt, im Gegenteil: Menschen jeglicher Geschlechter, die erfahrener als ich waren, haben mich stets ernst genommen und bei Ängsten und Erschöpfung gut umsorgt. Aber weil ich mich als freie Texterin regelmässig mit Gleichstellungsthemen beschäftige, habe ich Chixxs on Board gefragt, ob ich einen Text dazu schreiben darf.

Was ist „Alpine Divorce“?
Alpine Divorce geht auf Robert Barrs fiktive Kurzgeschichte „An Alpine Divorce“ von 1893 zurück. Darin hasst sich ein Ehepaar so sehr, dass der Ehemann beschliesst, in die Schweiz zu reisen. Dort möchte er seine Ehefrau an einem entlegenen Aussichtspunkt in den Tod stossen.

Heute ist „Alpine Divorce“ ein popkultureller Begriff und beschreibt den Umstand, dass ein meist romantisch verbundenes Paar in die Berge geht und es zu einer Trennung am Berg kommt. Die Hintergründe und Gründe für eine „Alpine Divorce“ sind vielfältig: Mal ist es ein Streit, bei der eine Person davonläuft und die andere zurücklässt. Mal will eine Person unbedingt auf den Gipfel oder den Gipfel auf einem bestimmten Weg besteigen und hat die Energie dazu, das Gegenüber hingegen nicht. Mal regnet es und eine Person hat die Fähigkeiten, schneller in die Hütte zu laufen und tut das, während das Gegenüber zurückbleibt.
Wie vulnerabel die verlassene Person durch eine „alpine Trennung“ wird, ist unterschiedlich: In manchen Situationen kennt die Person den Weg und fühlt sich sicher genug und ist vor allem wütend und entsetzt über das Verhalten des Gegenübers. In anderen Fällen kennt die verlassene Person den Weg nicht, hat kein Licht oder ängstigt sich wegen Starkregen oder Dunkelheit. In manchen Extremfällen sind Smartphone und Geldbeutel beim Gegenüber, sodass die zurückgelassene Person keinerlei Ortungschancen hat. In vielen Beispielen trennt sich die verlassene Person nach diesem Erlebnis.
Wer trennt sich von wem?
Seit der Grossglockner-Tragödie erzählen auffallend viele Frauen unter dem Hashtag #AlpineDivorce auf TikTok und Instagram, wie ihr männliches Gegenüber sie verliess. Oder Drittpersonen berichten, wie sie Zeug*innen einer „Alpine Divorce“ wurden. Ob es in der Tendenz Männer sind, die Frauen verlassen, lässt sich jedoch nicht sagen, weil genaue Informationen und Statistiken dazu fehlen. Wissenschaftlich ist „Alpine Divcorce“ bislang kein anerkannter Fachbegriff. Auch der Schweizer Alpen Club (SAC) erfasst keine spezifischen Zahlen dazu. Das macht die Erfahrungen der Betroffenen nicht weniger glaubhaft oder das Phänomen weniger problematisch. Dieser Umstand sagt: Es braucht belastbare Zahlen, um zu verstehen, wie viele Menschen davon betroffen sind, wie regelmässig so etwas geschieht und welche Rolle Geschlecht und geschlechtliche Sozialisierung spielen.
Die Diskussion verläuft deshalb unterschiedlich. Feministische Kreise sehen „Alpine Divorce“ und die Tragödie am Grossglockner als Beispiel für toxische Männlichkeit und kritisieren, dass unsere Gesellschaft ein Männlichkeitsproblem hat. Kritiker*innen empfinden den Hashtag als pietätslosen Internet-Hype, der Menschen entlang Geschlechter spaltet. Für sie wird eine furchtbare Tragödie als Projektionsfläche missbraucht und mit Erlebnissen vermischt, bei denen unklar ist, inwiefern sie sich vergleichen lassen.
Einerseits verstehe ich die Kritik: Offensichtlich sind ausführlichere und systematischere Informationen dringend nötig. Es braucht mehr als Posts und Reels, um etwas gegen „Alpine Divorce“ zu bewirken. Das ist auch im Interesse der Betroffenen. Andererseits finde ich es nicht fair, wenn „Alpine Divorce“ grundsätzlich als unseriöser Internet-Hype abgestempelt wird, nur weil die Diskussion auf sozialen Medien stattfindet. Denn auch wenn teilweise undifferenziert diskutiert wird und der Algorithmus extreme Meinungen leider begünstigt: Das Problem als solches bleibt.
Die Pyramide der Gewalt: ein Erklärungsmodell für „Alpine Divorce“
Egal ob jemand stirbt oder ob jemand „nur“ auf einem oft begangenen und sicheren Weg verlassen wird: Beide Umstände haben dieselbe Wurzel. Die Pyramide der Gewalt, ein Modell aus der Sozialwissenschaft, schlüsselt das anschaulich auf. Das Modell entstand ursprünglich, weil man Hassverbrechen verstehen wollte. So wird juristisch diejenige Form von Gewalt genannt, die eine Person aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihres Geschlechts erfahren kann.
Das Modell geht davon aus, dass tödliche Gewalt die letzte, extreme Spitze der Pyramide bildet und es eine breite Basis braucht, dass sie möglich wird. Gewalt beginnt in diesem Modell bei der Einstellung einer Person. Sie zeigt sich in Blicken und Gesten, pauschalisierten Kommentaren wie „Alle X sind so!“, „Typisch Y!“ oder in „Witzen“, auf die Betroffene angeblich „zu empfindlich“ reagieren. Solche sogenannten „Mikroagressionen“ schaffen eine Basis für extremere Formen von Gewalt. Daraus folgen dann psychische Gewalt wie Mobbing, physische Handgreiflichkeiten, Stalking, Vergewaltigungen und Mord.
Wenn wir „Alpine Divorce“ in dieses Modell einordnen und als Gewalt am Berg definieren, lässt sich auch diese als Spektrum verstehen: Sie kann bei einem genervten Blick beginnen, wenn jemand langsamer läuft oder eine Pause braucht. Sie zeigt sich stärker in einem abfälligen „Stell dich nicht so an!“, wenn jemand sagt, dass er oder sie Angst hat und etwas nicht machen will. Und sie zeigt sich deutlicher, wenn jemand davonläuft und eine Person willentlich und hilflos zurücklässt. Diese Form von Gewalt ist äusserlich subtil, weil physische Verletzungen fehlen. Doch sie ist eine Vorform von blauen Flecken und tödlicher Gewalt.
Ist dann jede Person, die einen unangebrachten Kommentar macht oder einen Ego-Trip durchziehen will, ein potenzieller Mörder? Nein. Dazwischen müssen viele Dinge passieren. Entscheidend finde ich als Zwischenfazit: Die Beziehungsdynamik einer ungleichen und im schlimmsten Fall gewaltvollen Beziehung oder auch Freundschaft beginnt im Alltag. Der Berg bringt sie einfach verstärkt zum Vorschein.
Was macht „Alpine Divorce“ so problematisch?
Neben der Beziehungsdynamik beeinflussen weitere Faktoren die Verletzbarkeit am Berg: In vielen der geschilderten Fälle gab es erstens ein Ungleichgewicht an Erfahrung und Fähigkeiten. Das allein ist nichts Problematisches. Wer einen Kurs mit einer Bergführerin besucht, befindet sich ebenfalls in einem Fähigkeitsgefälle. Problematisch wird es mit dem zweiten Faktor: wenn die Aufteilung am Berg ohne Absprache oder Konsens geschieht. Natürlich kann es vorkommen, dass auf einer Tour unterschiedliche Bedürfnisse aufkommen. Mit einer anständigen Person kann man jedoch einen sicheren Rahmen abstecken und entscheidet gemeinsam. Wer weder Empathie noch Einsicht zeigt, missbraucht die eigene Stärke und handelt gewaltvoll. Die „Alpine Divorce“ verläuft dann auf brutale Weise entlang der Fähigkeitslinien: Mit der erfahreneren Person verschwinden Wissen, mögliche Handlungsoptionen und natürlich auch die Sicherheit, dass jemand einen potenziellen Unfall mitbekommt und die Rettung alarmiert. So entsteht ein noch grösseres und vor allem gefährlicheres Ungleichgewicht.
Wir alle sollten uns deshalb einig werden, dass es absolut gruselig ist, wenn Menschen Macht ausüben, Abhängigkeiten schaffen, ausschliesslich ihre eigenen Bedürfnisse gewichten und zu Ego-Trips ansetzen. Wir alle sollten uns vergegenwärtigen, dass Leistungsansprüche wie eine bestimmte Anzahl an Höhenmetern, ein bestimmtes Tempo, ein höherer Schwierigkeitsgrad oder das Erreichen eines Gipfels niemals wichtiger sind als der Mensch, mit dem man unterwegs ist. Doch dazu dürfen wir „Alpine Divorce“ nicht aufteilen in „wehrlose weibliche Opfer“ und „böse männliche Täter“.
Sich selbst Handlungsfähigkeit geben
Severin Karrer, Leiter der Ausbildung beim SAC, betont in einem Online-Artikel des Schweizer Fernsehens zu Recht, dass „Alpine Divorce“ nicht nur in Paar-Konstellationen, sondern ebenso in reinen Männergruppen oder unter Freund*innen geschieht. Doch das Patriarchat hat uns allen einen Bärendienst erwiesen. Sicher lässt sich nicht wegdiskutieren, dass es Männer dazu erzogen hat, Selbstwert und Stärke über Macht, Durchsetzungsvermögen, Leistung, Gefühlskälte und Risikobereitschaft zu messen. Es lässt sich auch nicht wegdiskutieren, dass alles, was nicht zu dieser Logik passt und Frauen, die darin als Gegenteil von Männern konstruiert wurden, systematisch abgewertet wurde: Obwohl Frauen von Anfang an Teil des Alpinsports und bei Erstbegehungen dabei waren, konnten sie erst 1979 Mitglieder im SAC werden. Bis heute gibt es fast 1200 männliche Bergführer gegenüber 40 weiblichen Bergführerinnen.

Doch auch wenn wir beim Thema Gleichbehandlung noch einen langen Weg vor uns haben, sind wir Frauen eigenständig und können Verantwortung für uns selbst übernehmen. Am Berg sind es wir uns schuldig. Wir Frauen sind Männern nicht hilflos ausgeliefert. Männer müssen fraglos ihre geschlechtliche Sozialisierung reflektieren und was „Erfolg am Berg“ bedeutet. Aktuell bezahlen sie mit ihrem risikoreicheren und selbstüberschätzenden Verhalten den tödlicheren Preis. Aber auch wir Frauen müssen uns reflektieren.
Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich anderen gefallen und auf keinen Fall kompliziert, anstrengend oder unbequem sein will. Wie ich am liebsten keine Bedürfnisse und Grenzen haben und alles schaffen möchte. Dazu kommt, dass ich als Frau des 21. Jahrhunderts auf keinen Fall schwach, sondern stark sein und mindestens so krasse Sachen machen will wie Männer. Weil ich hoffe, dass ich dann mehr Anerkennung und Respekt erhalte. Aber mit dieser Logik schade ich mir doppelt: Erstens folge ich dabei genauso dem patriarchalen Denkmuster, dass Leistung den Selbstwert bestimmt. Zweitens bin ich in solchen Situationen nicht ehrlich mit mir selbst. Indem ich mithalten wollte, über meine Grenzen ging und vor Erschöpfung am Boden kauerte, war ich schon mehrfach darauf angewiesen, dass meine Gegenüber die Situation wieder sicher machten. Eine Abhängigkeit, die böse hätte enden können.
Was tun gegen „Alpine Divorce“
Wenn ich handlungsfähig bleiben und sicher am Berg unterwegs sein will, muss ich ehrlich mit mir werden. Was kann ich wirklich? Und was schaffe ich nur, wenn ich ein erfahreneres Gegenüber dabeihabe? Was sind Anzeichen, bei denen ich anfangen sollte, langsamer zu gehen, eine Pause brauche und über Umkehr oder einen Abbruch nachdenken muss? Und wie stelle ich sicher, dass ich es kommuniziere, wenn ich noch genug Energie habe?
Natürlich muss ich ebenso prüfen, mit wem ich unterwegs bin. Wie definieren wir eine gelungene Tour? Kann mein Gegenüber im Ernstfall Kompromisse machen? Die guten Gegenüber, die ich erleben durfte, haben sich bei ungleicher Erfahrung angepasst. Sie haben die gemeinsame Zeit priorisiert, nicht eine bestimmte Leistung. Wir haben regelmässige Check-ins gemacht, was die Route, das Wetter und unsere Verfassung angeht. Sie haben meinen Hunger oder meine Angst ernst genommen und sich ohne Diskussion auf Alternativen eingelassen, wenn es nicht mehr ging. Vor allem haben sie mir beigebracht, dass sie fehlbar sind. Dass es wichtig ist, dass auch ich die Tourenplanung anschaue, mitdenke und sicher bin, dass ich es nicht nur auf den Gipel, sondern heile ins Tal schaffe.

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