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Augen auf bei Lawinengefahr – Teil 2: Unterwegs gefahren beobachten & erkennen!

Du planst am Wochen­en­de eine Tour mit dei­nen Freun­din­nen. Um sicher im Gelän­de unter­wegs zu sein, ist eine gute Pla­nung uner­läss­lich. Denn durch die­se, kannst du bereits vie­le Gefah­ren­stel­len und mög­li­che Lawi­nen­pro­ble­me erken­nen und prä­ven­tiv Mass­nah­men ergrei­fen. Die­se kön­nen bei­spiels­wei­se sein, eine ande­re Tour anzu­stre­ben oder einen Plan A, B und C fest­zu­le­gen. Wie und mit wel­chen Hilfs­mit­teln du dei­ne Tour pla­nen kannst, fin­dest du in unse­rem Blog­bei­trag COB: TOURENPLANUNG!

Doch auch wäh­rend der Tour ist ein offe­nes Auge von Bedeu­tung. Der Schnee, der Wind und das Gelän­de geben uns zahl­rei­che Hin­wei­se zu mög­li­chen Risi­ken bezüg­lich Lawi­nen.

Hangexpositionen – Der Unterschied zwischen Schatten- und Sonnenhängen

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„Schat­ten­hän­ge“ tre­ten im Hoch­win­ter auf­grund des tie­fen Son­nen­stands deut­lich häu­fi­ger auf als im Früh­jahr, wenn die Son­ne höher steht. Abhän­gig von der Abschat­tung durch den Nah­ho­ri­zont kön­nen sol­che Hän­ge in allen Expo­si­tio­nen vor­kom­men – nicht nur an Nord­hän­gen. In Schat­ten­hän­gen ver­lau­fen Set­zung und Ver­fes­ti­gung der Schnee­de­cke deut­lich lang­sa­mer.

Umge­kehrt sind „stark besonn­te Hän­ge“ oder „Son­nen­hän­ge“ im Früh­jahr wesent­lich häu­fi­ger als im Hoch­win­ter. Auf sol­chen Hän­gen setzt sich die Schnee­de­cke meist rascher und ver­fes­tigt sich schnel­ler.

Tou­ren­tipp: Wie kann ich im Gelän­de erken­nen, ob es sich um einen Nord- oder Süd­hang han­delt? Ein Nord­hang fällt in Rich­tung Nor­den ab. Steht man auf einem Gip­fel und schaut nach Nor­den – im Hoch­win­ter meist mit der Son­ne im Rücken – liegt der Nord­hang direkt unter einem. Stei­le Nord­hän­ge erhal­ten zu die­ser Jah­res­zeit kei­ne direk­te Son­nen­ein­strah­lung. Ein Süd­hang hin­ge­gen fällt nach Süden ab und bekommt selbst im Hoch­win­ter regel­mäs­sig Son­ne.

Was hat die Steilheit für einen Einfluss auf meine Sicherheit?

Grund­sätz­lich kann man fest­hal­ten, dass je stei­ler ein Hang ist, des­to höher ist die Wahr­schein­lich­keit, dass eine Lawi­ne aus­ge­löst wird. Die Hang­nei­gung wird jeweils an der steils­ten Stel­le eines zusam­men­hän­gen­den Hang­rü­ckens gemes­sen.

Bei gros­ser Lawi­nen­ge­fahr ist die steils­te Stel­le im gan­zen Hang, solan­ge wir uns im poten­zi­el­len Aus­lauf­be­reich befin­den, zu berück­sich­ti­gen. Bei erheb­li­cher Lawi­nen­ge­fahr wird die steils­te Stel­le im gan­zen Hang, auch wenn wir uns zuun­terst eines Han­ges befin­den, gemes­sen da auch Fern­aus­lö­sun­gen mög­lich sein kön­nen. Bei mäs­si­ger oder gerin­ger Lawi­nen­ge­fahr wird ledig­lich die ein­zel­stel­le im Bereich unse­rer Spur berück­sich­tigt.

Ein­tei­lung der Hang­nei­gun­gen

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  • Extre­mes Steil­ge­län­de
    Beson­ders ungüns­ti­ge Berei­che, z. B. auf­grund von Nei­gung, Gelän­de­form, Kamm­nä­he oder Boden­be­schaf­fen­heit.
  • extrem steil – stei­ler als 40°
    → 43 % der töd­li­chen Lawi­nen­un­fäl­le
  • sehr steil – stei­ler als 35°
    → 82 % der töd­li­chen Lawi­nen im lang­jäh­ri­gen Mit­tel
  • steil – stei­ler als 30°
    → 97 % der töd­li­chen Lawi­nen
  • mäs­sig steil – weni­ger als 30°
    → 3 % der töd­li­chen Ski­fah­rer­la­wi­nen

Abbil­dung: White­risk / whiterisk.ch

Tou­ren­tipp: Wie weiss ich im Gelän­de, wie steil ein Hang ist?

  • Ab 30 Grad müs­sen wir im Auf­stieg bei einer Rich­tungs­än­de­rung Spitz­keh­ren machen.
  • Die Hang­nei­gung kann auch ganz ein­fach mit dem Ski­stock gemes­sen wer­den. Wie das geht, kannst du die­sem Video ent­neh­men:
  • Der Hang­be­reich unter gros­sen Fels­wän­den oder unter fels­durch­setz­tem Gelän­de ist häu­fig um die 35 Grad steil.
  • Tro­cke­ne Lock­erschnee­la­wi­nen bre­chen häu­fig in über 40 Grad stei­lem Gelän­de an. Fels­durch­setz­tes Gelän­de ist oft 40 Grad oder stei­ler.
  • Stel­le dei­ne Off­line­kar­te auf dei­nem Han­dy so ein, dass die Hang­nei­gung far­big dar­ge­stellt wird.

Der Wind, der Baumeister der Lawinen

„Wind­ex­po­nier­te Hän­ge“ befin­den sich im Luv, also auf der dem Wind zuge­wand­ten Sei­te. Dort wird der Schnee häu­fig abge­tra­gen. „Wind­schat­ten­hän­ge“ lie­gen im Lee, auf der dem Wind abge­wand­ten Sei­te. Der im Luv ver­frach­te­te Schnee lagert sich hier als Trieb­schnee­an­samm­lung wie­der ab. Sol­che Lee­hän­ge wei­sen oft ein Viel­fa­ches der durch­schnitt­li­chen Schnee­hö­he auf und wer­den daher auch als Trieb­schnee­hän­ge bezeich­net.

Trieb­schnee ist erkenn­bar an:

  • Wei­che, auf­ge­wölb­te Trieb­schnee­pa­ke­te im Lee
  • Abge­bla­se­ne, har­te oder eisi­ge Ober­flä­che auf der Luv­sei­te (wind­zu­ge­wand­te Sei­te)

Regel: Wo es abge­bla­sen ist = Wind hat her­ge­bla­sen. Wo es auf­ge­türmt ist = Wind ist weg­ge­zo­gen.

Trieb­schnee fin­den wir oft in Mul­den, Cou­loirs oder kamm­na­hen Gelän­de­for­men!

Gra­fi­ken: ortovox.com

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Tou­ren­tipp: Wo wur­de der Schnee hin geweht?

Ler­ne die Wind­zei­chen zu lesen und ver­mei­de im Auf- und Abstieg Zonen, in wel­chem sich der Trieb­schnee befin­det. In Pass- und Kamm­la­gen ist der Wind all­ge­mein kräf­ti­ger, als unter­halb der Wald­gren­ze.

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Sastru­gi (Wind­schlif­fe, Schnee­for­men)

Das sind kan­ti­ge, wel­len­för­mi­ge Schnee­for­men, die durch star­ken Wind ent­ste­hen.

  • Die stei­le Kan­te zeigt meist gegen den Wind,
  • die fla­che, abge­schlif­fe­ne Sei­te zeigt mit dem Wind.
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Schnee­fah­nen („Snow Plu­mes“)

An Gra­ten, Gip­feln oder Hin­der­nis­sen sieht man oft auf wehen­de Schnee­fah­nen, die klar anzei­gen, aus wel­cher Rich­tung der Wind bläst.

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Abbla­sun­gen um Hin­der­nis­se

Rund um Stei­ne, Büsche oder Bäu­me wird Schnee:

  • wind­zu­ge­wandt weg­ge­bla­sen → dort ist weni­ger Schnee
  • wind­ab­ge­wandt abge­la­gert → dort bil­den sich klei­ne „Schnee­fä­cher“
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Dünen­ar­ti­ge For­men (Lee­hän­ge)

Trieb­schnee bil­det oft hän­gen­de Taschen oder wei­che Pols­ter direkt hin­ter Gelän­de­kan­ten. Die­se lie­gen immer auf der Sei­te, wohin der Wind geweht hat.

Alarmzeichen

Alarm­zei­chen wei­sen uns auf Schwach­stel­len in der Schnee­de­cke hin und geben uns Aus­kunft über die aktu­el­le Lawi­nen­si­tua­ti­on. Sie sind Indi­zi­en dafür, dass die Bedin­gun­gen in der Schnee­de­cke für Schnee­brett­la­wi­nen gege­ben sind.

Typi­sche Alarm­zei­chen bei erheb­li­cher Lawi­nen­ge­fahr:

  • Fri­sche Schnee­brett­la­wi­nen

Dies, unab­hän­gig von der Art der Aus­lö­sung: Spon­tan, künst­lich (Spren­gung, Schnee­s­port­ler) oder durch eine Fern­aus­lö­sung.

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  • Wumm-Geräusche

Die Set­zung der Schnee­de­cke ver­ur­sacht den Kol­laps einer Schwach­schicht in der Schnee­de­cke. Auf dem unten­ste­hen­den Bild ist eine mög­li­che Schwach­schicht ersicht­lich.

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  • Riss­bil­dung

Beim Betre­ten der Schnee­de­cke kön­nen sich Ris­se in der Schnee­de­cke bil­den.

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Tourentipp – Sei wachsam auf deiner Tour

Nur wer auf­merk­sam beob­ach­tet, erkennt fri­sche Lawi­nen­ab­gän­ge. Und nur wer selbst eine Spur anlegt, kann Warn­si­gna­le wie ein Wumm-Geräusch wahr­neh­men. Wer hin­ge­gen aus­schliess­lich bestehen­den Spu­ren folgt, ver­zich­tet auf die­se wich­ti­gen Hin­wei­se.

Umge­kehrt gilt jedoch: Das Aus­blei­ben von Alarm­zei­chen bedeu­tet nicht, dass die Lawi­nen­ge­fahr gering ist. Alarm­zei­chen wei­sen immer dar­auf hin, dass eine Schwach­schicht gebro­chen ist und sich die­ser Bruch aus­brei­ten kann. Wie weit sich die­ser Bruch fort­setzt, ist aller­dings sehr unter­schied­lich.

Bei fri­schen Lawi­nen­ab­gän­gen ist die Situa­ti­on ein­deu­tig: Die gebro­che­ne Flä­che war aus­rei­chend gross und der Hang steil genug, damit sich ein Schnee­brett lösen konn­te. Bei Wumm-Geräuschen oder Riss­bil­dun­gen kann sich der Bruch hin­ge­gen nur weni­ge Meter aus­brei­ten – oder auch über den gesam­ten Hang hin­weg.

Tourentipp — Wähle eine defensive Auf- und Abstiegsroute

Gelän­de mit klein­räu­mig wech­seln­der Topo­gra­fie (kupier­tes Gelän­de) bie­tet häu­fig die Mög­lich­keit, beson­ders stei­le Pas­sa­gen zu umge­hen oder auf Gelän­de­rü­cken aus­zu­wei­chen. Die Topo­gra­phie kann jedoch auch zur Fal­le wer­den: etwa, wenn die gewähl­te Rou­te von gros­sen, sehr stei­len Hän­gen ein­ge­rahmt wird oder wenn man sich in einem mul­den­för­mi­gen Hang befin­det, der nach oben hin immer stei­ler wird.

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Quellen

White­risk – Lawi­nen­bul­le­tin Schweiz, Online­kar­ten, Tou­ren­pla­nung

WSL – Insti­tut für Schnee- und Lawi­nen­for­schung SLF

Lawi­nen­kun­de – Pra­xis­wis­sen für Ein­stei­ger und Pro­fis zu Gefah­ren, Risi­ken und Stra­te­gien – Ste­pahn Har­vey, Han­sue­li Rhy­ner, Jürg Schwei­zer

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