Eine Persönlichkeit die Ängste überwunden – und sich Träume erfüllt hat. Für uns ein ganz klares Vorbild, eine Pionierin! Als Bergführerin ist Carla Jaggi eine der wenigen Frauen in dieser Branche, zeigt jedoch mit ihrem grossen Einsatz und der tiefen Leidenschaft, dass der Fakt, Frau zu sein, keinerlei Einschränkung bedeutet! Welche Tipps Carla für ein sicheres Erlebnis neben der Piste hat, liest du im Interview!

Wie hat deine Liebe zu den Bergen gestartet?

Schon ganz früh. Ich hatte das Glück, in den Bergen aufzuwachsen und bewegte mich schon als kleines Mädchen immer in der Natur. Mit drei Jahren stand ich auf Skiern und mit Vier hing ich zum ersten Mal in einem Klettergurt. Meine Eltern gaben mir ihre Leidenschaft für die Berge weiter, dafür bin ich ihnen sehr dankbar.  

Was hast du in den letzten 10 Jahren beruflich gemacht, nebst den Bergtouren?

Im Jahr 2009 habe ich meine Lehre als kaufmännische Angestellte in einem Notariatsbüro abgeschlossen. Danach wollte ich aber nicht mehr ins Büro und arbeitete als Handlanger in verschiedenen Betrieben, unter anderem in einer Schreinerei, in einem Gartenbaubetrieb und bei einem Spengler. Handwerkliche Arbeiten haben mir immer Freude bereitet und etwas Neues zu lernen sowieso. Als ich den Mut fasste und beschloss, Bergführerin zu werden, musste ich mich darauf vorbereiten und bekam die Chance in einem Outdoor-Betrieb in Gstaad zu arbeiten. Dort ging ich im Sommer mit Gästen wandern, gab Kindern Kletterkurse und machte die Ausbildung zum Kanuguide. Im Winter verdiente ich mein Brot auf der Piste, als Skilehrerin. Jetzt bin ich seit drei Jahren Bergführerin und arbeite in den Bergen überall auf der Welt.

Wie würdest du deine Leidenschaft zu den Bergen beschreiben?

Ich habe das Gefühl, meine Leidenschaft zu den Bergen brennt wie ein Waldbrand. Mal lodert das Feuer wild auf und verschlingt alles, mal schwelt es nur vor sich hin. Erlischen tut es aber nie. Das Wichtigste ist, Freude an dem zu haben, was man tut. Wenn ich gerade keine Freude am Klettern habe (was halt vorkommen kann), gehe ich Gleitschirmfliegen oder umgekehrt. Und wenn ich den Nervenkitzel vom Freeriden mal satt habe, gehe ich auch mit Freunden auf die Piste, für einen gemütlichen Tag. Danach ist mein Kopf wieder klar und ich kann mich auf mein nächstes Abenteuer fokussieren.

Was hat dich dazu bewegt, die Ausbildung zur Bergführerin zu machen?

Mich zog es nach draussen. Schon immer hatte ich einen grossen Bewegungsdrang und viel Freude an der Arbeit mit Menschen und so war bald klar, dass ich etwas ändern musste.

Gab es Hürden, oder Punkte, an denen du dich für diesen Entscheid überwinden musstest?

In meinem Umfeld gab es schon immer viele Bergführer. Das waren alles grosse, bärtige Männer, um ehrlich zu sein (lacht). Ich habe sie schon als Kind für ihre Arbeit bewundert und es hat lange gedauert, bis ich den Mut und das Selbstvertrauen aufbauen konnte, um überhaupt nur daran zu denken, dass ich das vielleicht auch machen könnte. Es bedurfte viel Überwindung, mich für die Ausbildung zur Bergführerin anzumelden. Es ist ein physisch sehr anspruchsvoller Beruf, der auch mental herausfordernd ist. Man hat immer viel Verantwortung für seine Gäste und muss ständig Entscheide fällen. Immer wieder fragte ich mich „kann ich das?“ Irgendwann überwand ich jedoch meine Selbstzweifel und meldete mich für die Ausbildung an, ganz nach meinem Lieblingsmotto: „There is only one way to find out.“ Ins kalte Wasser zu springen und eventuell zu scheitern, war mir lieber, als mich mit 50 Jahren zu fragen, ob ich es nicht doch gekonnt hätte.

Was ist deiner Meinung nach das Wichtigste für den sicheren Spass neben der Piste?

In meinen Augen sind das zwei Dinge: Erstens das Bewusstsein, dass man sich in einer nicht gesicherten Umgebung bewegt und zweitens, das richtige Abschätzen seiner eigenen Kenntnisse und Erfahrung. Wenn dich eine Situation verunsichert, oder sogar überfordert, dann meistens deshalb, weil du noch zu wenig darüber weisst. Dann ist es ratsam, an diesem Tag lieber die Linie zu fahren, bei der du dich sicher fühlst, oder ganz aufs Offpiste zu verzichten. Sei ehrlich zu dir selbst!

Wie bereitest du dich für eine Skitour vor?

Das spielt sich fast alles vor dem Computer ab. Dem Büro werde ich wohl nie ganz entkommen (lacht). Ich orientiere mich an Werner Munters 3×3 Schema. Dabei beurteilt man die drei Faktoren „Verhältnisse“, „Gelände“ und „Mensch“ auf drei „Zoom Ebenen“, das heisst regional, lokal und zonal. Ein paar Tage vor der Tour überlege ich mir schon, wo ich hinkönnte, also in welche Region. Wir sind jetzt im regionalen „Zoom“. Auf den Faktor “Verhältnisse” bezogen heisst das, dass ich mir zum Beispiel überlege, wo es überhaupt Schnee hat und dann, wo es GUTEN Schnee hat. Wie entwickelt sich das Lawinenbulletin voraussichtlich? Dazu muss ich das Wetter checken: Gibt es bis zur Tour noch Neuschnee? Wie verändern sich die Temperatur und der Wind? Basierend auf diesen Informationen überlege ich mir, welcher Berg dazu passen könnte. Wenn es absehbar ist, dass zum Zeitpunkt der Tour die Lawinengefahr hoch sein wird, schaue ich mir die passenden Touren dazu an. Genauer gesagt heisst das, dass ich in diesem Fall zum Beispiel eine Tour mit geringerer Hangneigung suche. Wichtig ist, dass du immer Alternativen planst, beziehungsweise einen Plan B hast. Es kann immer vorkommen, dass die ursprünglich festgelegte Tour nicht klappt, aus 1000 verschiedenen Gründen. Und wenn du dann keine Alternative hast, fokussierst du dich zu stark auf deine geplante Tour und siehst nichts anderes mehr. Zuletzt überlege ich mir, wer mitkommt, ob wir eine grosse oder kleine Gruppe sind, wer wieviel Erfahrung hat und wer die Führung übernimmt. Diese Frage erübrigt sich bei mir in den meisten Fällen, bei privaten Gruppen, ohne Bergführer, ist das jedoch sehr wichtig. Diese Fragen fallen unter den Faktor „Mensch“. Die drei oben genannten Faktoren müssen aufeinander abgestimmt werden. Nun, das war jetzt ein kleines Beispiel für die regionale „Zoom Ebene“. Dieselben drei Faktoren beurteile ich dann auch noch am Tag der Tour sowie auf der Tour selbst. Und zwar fortlaufend. Werkzeuge die dabei helfen: Gefahrenstufen (Lawinenbulletin), grafische Reduktionsmethode, Hangneigung und Exposition (Karte Swiss Map) und Alarmzeichen.

Was denkst du ist das Wichtigste, um Selbstvertrauen gewinnen zu können, um eine Tour selber zu organisieren?

Beginn mit etwas, dass du kennst. Vielleicht gibt es in deinem Lieblingsskigebiet eine kleine Tour, auf die dich deine Freunde mal mitgenommen haben. Mach die Tour und nimm diesmal jemanden mit, der sie noch nicht kennt. Jetzt führst du die Skitour, auch wenn es „nur“ der Hügel hinter der Skibar ist. Mach kleine Schritte und bewege dich so, dass du dich wohl fühlst. Deine erste selbständig geplante Tour muss nicht die Kingline im Gebiet sein. Und es sollten sichere Verhältnisse herrschen. Check das Lawinenbulletin, das Wetter und kenne das Gelände und hole Informationen und Ratschläge bei erfahrenen Leuten ein. Wenn du dich sicher fühlst, mach es. Wenn du noch nie etwas von Hangneigungen oder Gefahrenstufen gehört hast, empfehle ich dir, mal einen Lawinenkurs zu machen. Da lernt man die Grundsätze der Lawinenbeurteilung und auch gleich noch potenzielle Skitourengefährten kennen, falls der eigene Freundeskreis eher zu Gondelbahn, Pistengaudi und Après-Ski neigt.

Was darf niemals fehlen bei einer Skitour?

Ganz klar: Die Sicherheitsausrüstung, bestehend aus LVS (Lawinen-Verschütteten-Suchgerät), Lawinenschaufel und Sonde. Diese Gegenstände kommen im Fall eines Lawinenabganges zum Einsatz. Ob man sie beherrscht, kann im Ernstfall über Leben und Tod entscheiden. Auch der richtige Umgang mit der Sicherheitsausrüstung wird in Lawinenkursen geschult. Geht nie ohne diese Gegenstände auf Skitouren oder zum Freeriden, aber verlasst euch auch nicht blind darauf. Weil man ein LVS bei sich trägt, heisst das nicht, dass man jetzt sicher ist. Prävention ist immer besser, als Schadensbegrenzung und wir wollen es überhaupt nicht zu einem Lawinenabgang kommen lassen. Deshalb ist eine gute Planung und Vorbereitung so wichtig (3×3)!

Was sind deine persönlichen Tipps für die Frau neben der Piste?

Fahr nicht immer hinterher. Geh deinen eigenen Weg und zieh deine eigene Spur in den Schnee, verwirkliche deine eigenen Ideen. Vielfach trauen wir uns viel zu wenig zu, ungerechtfertigterweise. Frauen haben oft ein gutes Gespür, wir dürfen uns nur nicht unter Druck setzen.