Gruppendynamik beim Skitouren — Der Faktor Mensch beim Skitouren unter der Lupe!
Auch diesmal beginnt alles mit einem Blick aus dem Fenster: klirrende Kälte, wolkenloser Himmel und frischer Schnee in den Nordhängen. Die Bedingungen schreien förmlich nach einer grossen Linie. Schnell kommt ein Klassiker auf den Tisch: Das Wasenhorn.
Die Entscheidung fällt überraschend schnell. Jede von uns kennt den Berg, zumindest aus Erzählungen oder früheren Versuchen. Niemand stellt das Ziel ernsthaft infrage, zu verlockend ist der Gedanke an die Pulverschnee-Abfahrt. Wir treffen uns früh am Parkplatz, routiniert, fast automatisch. LVS-Check, kurzer Austausch, dann geht es los.

Beim Aufstieg schliessen sich nach und nach weitere Skitourengeherinnen an. Bekannte Gesichter, ähnliche Pläne, gleiche Richtung. Ohne es bewusst zu planen, wächst die Gruppe. Das Tempo passt sich an, Pausen werden gemeinsam gemacht, Spuren geteilt. Mit der Gruppengrösse steigt das Gefühl von Sicherheit – und gleichzeitig sinkt die Bereitschaft, kritische Fragen zu stellen. Einzelne Zweifel verschwinden im kollektiven Optimismus.
Je näher wir dem Gipfel kommen, desto anspruchsvoller wird das Gelände. Der Grat verlangt Konzentration, klare Entscheidungen und saubere Absprachen. Doch genau hier zeigt sich, wie stark die Gruppendynamik wirkt: Wer führt? Wer hinterfragt? Und wer verlässt sich darauf, dass „die anderen schon wissen, was sie tun“?
Warum unsere Seilschaft genauso wichtig ist wie Schnee und Wetter
Wenn wir über Sicherheit im winterlichen Gebirge sprechen, denken wir meist zuerst an Lawinenlage, Routenwahl oder Schneedecke. Doch ein entscheidender Faktor wird oft unterschätzt: die Gruppe selbst. Genau hier setzt das Thema Gruppendynamik an.
Gruppendynamik beschreibt, wie Menschen sich in einer Gruppe verhalten, Entscheidungen treffen und gegenseitig beeinflussen. Der Begriff geht auf den Psychologen Kurt Lewin zurück und ist heute fester Bestandteil der Sozialpsychologie. In der Lawinenkunde taucht Gruppendynamik im Kapitel Faktor Mensch auf – meist im Zusammenhang mit kritischen, risikoverstärkenden Effekten. Bekannt ist etwa der Risky-Shift oder Herding-Effekt: In der Gruppe fühlen wir uns sicherer und gehen dadurch oft unbewusst grössere Risiken ein.
Gruppendynamik im Gebirge – warum sie schwer zu erforschen ist und uns trotzdem betrifft
Gruppendynamik spielt im alpinen Gelände eine grosse Rolle – und doch ist sie kaum erforscht. Warum? Weil Gruppenverhalten schon im Alltag komplex ist und draussen im winterlichen Gelände noch schwerer zu beobachten und zu analysieren ist. Schnee, Wetter, Stress und wechselnde Bedingungen machen klassische Forschungsmethoden schwierig. Trotzdem liegt hier ein enormes Potenzial, um Risiken besser zu verstehen – und zu reduzieren. Wie kann man Gruppendynamik überhaupt untersuchen?

Ein sehr wertvoller Ansatz: Gruppen direkt nach der Tour zu befragen, wenn Erinnerungen noch frisch sind und kein Zeitdruck mehr besteht. Genau das wurde in einer Interviewstudie im Raum Davos gemacht.
Im Winter 2012/13 wurden 29 Touren- und Freeridegruppen mit insgesamt 98 Personen befragt. Thema waren unter anderem Planung, Motivation, Führung, Entscheidungsfindung und Risikobereitschaft. Ein zentrales Ergebnis: Viele kritische Gruppeneffekte entstehen bereits in der Planungsphase – oft unbemerkt.
Wer ist besonders anfällig für problematische Gruppendynamik?
Entgegen dem Klischee sind es nicht nur die „jungen Wilden“. Besonders anfällig sind:
- Expertengruppen
Routine, viel Erfahrung und fehlende klare Führung können zu Selbstüberschätzung führen. - Gruppen, die sich nicht gut kennen
Wenn plötzlich „noch jemand dazukommt“, ohne Erwartungen neu zu klären. - Konforme Gruppen ohne Führung
Gleich alt, gleiches Geschlecht, ähnliche Einstellungen – niemand will aus der Reihe tanzen. - Geführte Gruppen unter Druck
Hohe Erwartungen, bekannte Ziele, Stress – besonders wenn sich Leiter und Teilnehmer kaum kennen. - Gruppen mit Liebesdynamik
Neue Beziehungen oder Konkurrenz können Entscheidungen beeinflussen.
Welche Gruppen sind eher stabil?
Weniger anfällig für negative Effekte sind:
- Familien und langjährige Paare, in denen offen kommuniziert wird
- Geführte Gruppen in ruhigem Umfeld, mit transparenter Führung
- Gemischte Gruppen, die sich gut kennen und unterschiedliche Perspektiven mitbringen
Auch andere Gruppen beeinflussen uns
Nicht nur die eigene Gruppe zählt. In stark frequentierten Gebieten entsteht schnell sozialer Druck. «Wenn die da fahren, können wir hier auch fahren.»
«Allein unterwegs hätten wir uns vielleicht anders entschieden.»

Ein zentrales Fazit aus den Interviews:
Der grösste Fehler passiert häufig dann, wenn zwei Gruppen spontan zusammengehen, ohne Ziele, Erwartungen und Rollen neu zu klären. Ab diesem Moment entsteht eine neue Gruppe – aber ohne bewussten Start, ohne klare Kommunikation. Gruppendynamik übernimmt das Steuer, selbst wenn sich Einzelne innerlich unwohl fühlen.
Planung heißt mehr als „Wer kommt mit?“
Die Zusammensetzung einer Gruppe hat großen Einfluss auf unser Verhalten. Ob wir mit engen Freundinnen, als Paar, in einer Familie oder in einer neu zusammengesetzten Gruppe unterwegs sind, macht einen Unterschied. Konstante Gruppen mit geklärten Erwartungen funktionieren oft besser. Vorsicht ist geboten, wenn sich spontan neue Personen anschließen – dann lohnt es sich, Ziele, Motivation und Erwartungen neu zu besprechen.
Führung braucht Klarheit
Nicht jede Gruppe ist gleich geführt:
- Ohne Führung: Hier treten problematische Gruppeneffekte besonders häufig auf. Eine klare Rollenverteilung oder wechselnde Führung kann helfen.
- Professionell geführt: Vertrauen entsteht durch transparente Kommunikation und nachvollziehbare Entscheidungen.
- Informell geführt: Wichtig ist, dass die führende Person wirklich geeignet ist – fachlich wie menschlich.
Tipp: Es ist von Bedeutung sich zu fragen: Traue ich mich, Zweifel zu äußern? Wird meine Einschätzung gehört?
Entscheidungen, Motivation und Risiko offen ansprechen
Unterschiedliche Motive – Naturgenuss, sportliche Leistung, Gipfelziele oder Powder – sind völlig normal. Problematisch wird es, wenn sie unausgesprochen bleiben. Gleiches gilt für das persönliche Risikoverhalten: Wenn die Komfortzonen stark auseinanderliegen, fühlen sich einzelne schnell unter Druck gesetzt.
Auch Kondition und Skitechnik sollten ehrlich eingeschätzt werden. Maßstab ist immer die schwächste Person in der Gruppe – nicht das stärkste Ego.
Alternativen sind kein Scheitern
Gute Gruppen zeichnen sich dadurch aus, dass sie flexibel bleiben:
- Nicht jede Tour muss „durchgezogen“ werden, damit sie ein Erfolg ist
- defensivere Ziele wählen
- Gruppen aufteilen
- unterwegs warten oder umdrehen
- den Plan bewusst anpassen

Fazit
Sich Gedanken über Gruppendynamik zu machen, heißt nicht, misstrauisch zu sein – sondern verantwortungsvolles Handeln. Offene Kommunikation, gegenseitiger Respekt und der Mut, Dinge anzusprechen, sind zentrale Elemente für sichere und erfüllende Tage im Gebirge. Vielleicht liegt genau hier unsere größte Lernchance – gerade wir Frauen, die oft sehr sensibel für Stimmungen in Gruppen sind.
Quellen:
Gruppen & Dynamik. bergundsteigen — Zeitschrift für Risikomanagement im Bergsport.
Ausgabe 86
„A qualitative analysis of group formation, leadership and decision making in recreation groups traveling in avalanche terrain“ – Berg und Steigen, Journal of Outdoor Recreation and Tourism, 2014 — Benjamin Zweifel und Pascal Haegeli
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