Ach, wie schön, wenn man das erste Mal wieder auf einem blitz und blankem Perron steht mit einem Rivella und Zweifelpaprikachipspackung in der Hand und sich auch keine Sorgen machen muss, dass einem das Portemonnaie aus der Tasche gestohlen wird. Ach, wie schön, wenn alle in deinem Zugabteil eine Schnute ziehen, weil sie auf dem Weg sind viel zu viel Geld zu verdienen und komische Blicke deinen (zu?) kurzen Hosen streifen. Ich bin wieder zu Hause.

Endlich wieder

Es ist schön wieder nach Hause zu kommen. Alles ist vertraut, ich fühle mich wohl, ich kenne mich aus. Die Sprache ist keine Barriere mehr und nicht jede Diskussion erschöpft mich. Ich schlafe wieder in meinem Bett und kuschle meine Katze. Ich kann Wasser einfach so vom Hahn trinken und das Klopapier in die Toilette werfen. Wenn’s heiss ist, springe ich in die saubere Limmat oder den See. Wenn’s kalt ist, drehe ich die Heizung auf und laufe in kurzen Hosen im isolierten Haus herum. Alle möglichen Käsesorten stehen mir in unmittelbarer Nähe zur Verfügung und die Tomaten muss ich auch nicht mehr schälen, wenn ich sie roh essen will. Der Alkohol in der Schweiz ist billig und gut, das Bier hat wieder Geschmack und ist gekühlt. Bei der Kasse stelle ich mich in die Schlange und muss nicht mit Händen und Füssen um meinen Platz kämpfen. Wenn ich in eine Polizeikontrolle komme, muss ich nicht einen 50er zücken, sondern komme mit einem ernsten Blick und einer Verwarnung davon. Und wenn ich keinen Job finde, melde ich mich beim RAV. Ja das Zuhause, unser Zuhause, gibt mir Sicherheit, Lebensqualität und Annehmlichkeiten.

Aber…

Erst nach einer Weile fällt mir auf, dass ich wieder gestresst bin. Ich muss noch dies und das machen. Diese und jene Personen treffen, weil A nichts mit B gemeinsam machen will. «Ich habe schon mit C abgemacht…». Auf einmal bewege ich mich wieder in Grüppchen, anstatt in einer homogenen Gruppe. Alles ist strukturiert und genaustens überlegt. Das Tram fährt 10 Sekunden zu früh ab, der Zug exakt auf die Sekunde. Spontanität scheint nicht zu existieren. Weil ich mich gestresst fühle, nehme ich mir vor keine Pläne zu machen. Dann fühle ich mich aber gestresst, weil ich nichts mache. Nichts haben wir eigentlich immer gemacht auf unserer Reise. Stundenlang Krebse oder Hühner beobachtet, in der Hängematte geschlafen, 20 Bücher gelesen, gekocht, Muscheln gesucht und Mobiles gebastelt. Das zählt in der Schweiz als nichts. Ich merke, dass wir es in der Schweiz zwar annehmlich haben – die Post wird einem nach Hause geliefert, alles ist bestellbar und den Arzt kann man auch übers Telefon konsultieren – aber während der Reise gab es viel mehr Gemütlichkeit. Durch die Entspanntheit der Umgebung fühlte ich mich fast nie unter Druck etwas zu planen oder nicht zu planen. Wenn der Bus halt nicht kam, dann kam er eben nicht. Irgendwie gab’s dann immer eine Lösung. Es existierten viel weniger Musts. Wieso gibt es die in der Schweiz überall?

Die Arbeit

Langsam vergesse ich es wieder wertzuschätzen, dass das Wasser aus dem Hahn das beste der Welt ist und immer weniger ertappe ich mich dabei das Klopapier in den Abfalleimer zu schmeissen. Der Arbeitsalltag erscheint mir wieder normal und ich gewöhne mich daran mindestens 2 Wochen im Voraus ein Treffen mit Freundinnen zu planen. Ich habe wieder gesunde Selbstzweifel, wie es sich für eine wachechte Schweizerin gehört und antworte jedem freundlich auf die Frage wie es mir geht mit ‘gut’. Während in Südamerika ein gebasteltes Muschelmobile als Verkaufshighlight galt, verlangt eine Praktikumsstelle in der Schweiz einen Master, 5 Jahre Erfahrung und deine Seele für 1000 Stutz im Monat. Es scheint einfacher zu sein einen Job zu suchen und Angestellte*r zu sein, als seine eigenen Ziele und Wünsche zu verfolgen. Bringt doch nichts, zuerst brauchts zu Geld. Die Träume werden einem aus dem Hirn geklaubt und zu unmöglichen Fantasien verarbeitet. Man lebt, um zu arbeiten und man arbeitet nicht, um zu leben. Auf jeden Fall widerspiegelt fast jedes Gesicht im ÖV genau das. Vielleicht ist es ja nicht so, vielleicht finden es die Leute geil. Ich habe grundsätzlich auch nichts gegen Arbeiten. Ich bin lieber beschäftigt als gelangweilt. Ich leiste gerne, ich denke gerne mit, ich bin gerne behilflich. Die Arbeit gibt mir einen Sinn. Sie gibt mir vor allem auch Geld, mit welchem ich überleben und leben kann.

Grünes Gras

Während der Reise hat mir das Surfen Sinn gegeben. Ich bin aufgestanden, um zu surfen, weitergereist, um woanders zu surfen und stundenlange gelaufen, um irgendwo surfen zu können. Wenn’s keine Wellen hatte oder ich eine Pause machen wollte, wurde halt nichts gemacht. In der Schweiz gibt mir das Skaten Sinn. Und eben, die Arbeit. Wie so vielen, denke ich. Ich vermisse es aber, das Surfen! Die Rauheit des Meeres, das Adrenalin auf der Welle und im Lineup, die Bewegung und das absolute kaputt sein nach einer Session. Immer wenn das Fernweh ganz schlimm wird, probiere ich mich daran zu erinnern, wie es in Südamerika war. Auch wenn ich jetzt jedes noch so kleine Detail in der Schweiz finde, das mich aufregt, weiss ich, dass in Südamerika auch nicht alles angenehm und super war. Oft habe ich meine Freunde und Familie vermisst, das frische Wasser und die Sicherheiten meines Zuhauses. Ich denke, das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite und ich probiere mir nicht vor zu machen, dass auf dieser anderen Seite alles perfekt ist. Genauso wie Zuhause nicht alles perfekt ist.

Text & Bilder von Florence Züger