Marokko Surf Experience: Mehr als nur perfekte Wellen
Marokko gehört zu den beliebtesten Surf-Destinationen der Welt. Ramzi Boukhiam, marokkanischer Profi-Surfer auf der World Surf League Tour, bezeichnet sein Heimatland gerne als das europäische Bali. Und ganz unrecht hat er nicht. Während die Australier nach Bali fliegen, jetten wir Europäer für eine Woche Surfurlaub nach Marokko, um endlose Pointbreaks zu surfen, einheimische Tajines zu essen und in den Wintermonaten etwas Vitamin D zu tanken.
Was vor zehn oder fünfzehn Jahren noch als exotisches und teilweise unsicheres Reiseziel galt, ist heute für viele europäische Surferinnen und Surfer die erste Wahl für einen Wintertrip.
Seit über zehn Jahren verbringe ich regelmässig die Wintermonate in Marokko. Anfangs als reisende Surferin, heute als Surf Coach. Das Land hat mich vom ersten Besuch an fasziniert. Die Menschen, die Kultur, die Landschaften und natürlich die Wellen.
Als Frau unterwegs
Ich werde oft gefragt, ob ich mich in Marokko sicher fühle. Und meine Antwort ist seit meinem ersten Besuch dieselbe: Ganz klar ja.
Natürlich erlebt man gelegentlich Situationen, die man aus Europa weniger kennt. Männer sprechen einen an, fragen nach dem Namen oder woher man kommt. Ist ja auch verständlich: Als alleinreisende europäische Frau falle ich natürlich auf. Was zunächst unangenehm wirken kann, ist oft nur kulturell bedingt und überhaupt nicht böse gemeint, sondern Ausdruck von Neugier oder Hilfsbereitschaft.
Bei einem meiner ersten Besuche war ich in Smimou unterwegs, einem kleinen Dorf südlich von Essaouira. Ich war auf der Suche nach einem Gewürzhändler und stand verloren zwischen Tajines, Gemüseständen und Brotverkäufern.
Plötzlich kam ein Mann in einer Dschellaba auf mich zu. Mein erster Gedanke? «Oh nein. Jetzt will mir bestimmt jemand etwas verkaufen. Oder mit mir flirten.» Die üblichen Vorurteile schossen mir durch den Kopf. Doch zu meinem Erstaunen fragte er: «Kann ich Ihnen helfen? Sie sehen aus, als würden Sie etwas suchen.»
Ich wurde augenblicklich rot. Der Mann wollte nichts von mir, er wollte einfach helfen. Und genau solche Momente habe ich in Marokko immer wieder erlebt. Ein Bananenverkäufer warnte mich einmal vor einer Polizeikontrolle am Dorfausgang. Ein Fischer erklärte mir den Weg zu einem versteckten Surfspot.
Das Marokko, das die meisten von uns kennen, ist das Marokko der Souks in Grossstädten wie Marrakesch. Das Marokko der Händler, die um Aufmerksamkeit kämpfen und Touristinnen und Touristen in ihre Geschäfte locken. Wo Gespräche nur gestartet werden, weil später ein Verkauf abgeschlossen werden soll.
Doch was man weniger kennt, ist das Marokko abseits des Tourismus. Das ländliche Marokko, die kleinen Fischerdörfer und die abgelegenen Gemeinden entlang der Küste. Orte, an denen sich jeder kennt und Ausländerinnen noch immer eine Seltenheit sind. Und genau dieses Marokko habe ich lieben gelernt.

Andere Kulturen, andere Sitten
Marokko ist ein muslimisch geprägtes Land. Viele gesellschaftliche Normen unterscheiden sich von dem, was wir aus der Schweiz oder anderen europäischen Ländern kennen. Während Bikini und Trägertop für uns im Surfurlaub selbstverständlich sind, bewegt man sich damit in Marokko manchmal in einer kleinen Grauzone. Obwohl es mittlerweile an vielen Orten zum Alltag gehört und durch den wachsenden Tourismus immer häufiger zu sehen ist, fühlt man sich als Frau dennoch noch nicht ganz wohl im Bikini. Denn auch die Einheimischen verbringen ihre Freizeit am Strand, gehen baden, spazieren oder arbeiten dort als Fischer.
Die Blicke sind da und man spürt sie. Nicht unbedingt wertend – oft einfach neugierig. Es ist eben doch eine andere Kultur. Schnell vergessen wir, dass wir zu Gast sind und unsere Sitten nicht einfach übertragen können. Im Trägertop durch den lokalen Markt zu schlendern oder sich nach der Surfsession mitten am Strand umzuziehen, ist dort halt eben doch nicht selbstverständlich.
Am Anfang war ich selbst unsicher. Ziehe ich mich jetzt hier am Strand um? Kann ich so durchs Dorf laufen? Heute denke ich darüber gar nicht mehr nach. Der Surf-Poncho kommt über den Kopf und fertig. Seitdem gehört er ganz selbstverständlich in mein Reisegepäck.
Was heisst das also für uns? Das bedeutet nicht, dass man sich verstecken oder vermummen muss. Es bedeutet lediglich, respektvoll zu sein. So wie wir uns freuen, wenn Gäste unsere Kultur respektieren, freuen sich auch die Marokkaner, wenn wir ihre respektieren.
Die Magie des marokkanischen Surfens
Meine grosse Leidenschaft und mittlerweile auch mein Beruf ist das Surfen. Doch was Marokko für mich so besonders macht, sind nicht nur die Wellen. Es sind die pastellfarbenen Sonnenaufgänge. Die Kinder, die einem am Strand zuwinken. Der Duft von frischem Pfefferminz-Grüntee nach dem Essen. Die Freude der Dorfjugend, die am Sonntag bei Low Tide am Strand Fussball spielt.
Und natürlich die unglaubliche Gastfreundschaft. Viele Marokkaner besitzen wenig und teilen fast alles. Diese Herzlichkeit hat mich von Anfang an beeindruckt und ist einer der vielen Gründe, warum ich mich im Land so wohl fühle.



Das Surfen
Ich denke, dass Marokko ohne seine Wellen nicht das wäre, was es heute ist. Viele kennen das Land dank weltbekannter Spots wie Anchor Point, Imsouane Bay, Safi, Boilers, Draculas oder Cap Sim. Doch der Boom hat auch seine Schattenseiten.
An guten Swell-Tagen teilen sich heute oft Hunderte Menschen dieselben Wellen. Die bekanntesten Spots sind teilweise hoffnungslos überfüllt. Der Kampf um die Sets ist gross und die Stimmung im Wasser nicht immer entspannt. Manche Spots sind inzwischen sogar den Locals vorbehalten oder für Touristen gesperrt. Wer Marokko wirklich erleben möchte, sollte deshalb nicht nur den berühmtesten Spots hinterherjagen.
Denn genau wie abseits der grossen Städte ein anderes Marokko wartet, gibt es auch entlang der Küste unzählige weniger bekannte Surfspots. Von sanften Beachbreaks bis zu langen Pointbreaks findet praktisch jede Surferin passende Bedingungen – oft ganz ohne Gedränge.
Als Surferin in Marokko
Als Surferin erlebt man Marokko oft etwas anders als viele klassische Touristinnen. Die Surf-Community entlang der Küste ist international, offen und herzlich. Gleichzeitig befindet man sich in einem Land mit anderen kulturellen Werten. Und genau diese möchte man ja kennenlernen, statt nur mit anderen Touristinnen und Touristen zu interagieren.
Doch das ist jedoch manchmal schwieriger, als man zunächst denkt. Marokkanische Surferinnen sind noch immer eine Seltenheit. Dadurch entstehen Begegnungen mit lokalen Frauen oft weniger selbstverständlich als beispielsweise in Europa.
Gleichzeitig bringt das auch einen unerwarteten Vorteil mit sich. Während männliche Surfer von den Locals im Wasser eher kritisch betrachtet werden, sind Frauen oft willkommen. Mit Männern wird um Wellen gekämpft, uns Frauen überlässt man gerne mal eine Welle und feuert uns dabei sogar noch an. Vor allem, wenn man zeigt, dass man im Wasser ist, um Spass zu haben und den Locals mit Respekt gegenübertritt.
Tipps für die Packliste:
- Poncho zum umziehen am Strand!
- Leichtes Tuch zum abdecken der Schultern in den Städten und Dörfer.
Surf Retreat als perfekter Einstieg
Trotz all der positiven Dinge, die Marokko zu bieten hat, fühlen sich viele Frauen noch immer unwohl, das Land alleine zu bereisen. Und obwohl dieses Gefühl oft unbegründet ist, ist es dennoch da.
Genau hier können Frauen-Surf-Retreats einen wunderschönen Einstieg bieten. Man reist nicht alleine, sondern gemeinsam mit einer Gruppe gleichgesinnter Frauen. Man erhält Unterstützung und kann Fragen stellen, die man sich vielleicht sonst nicht trauen würde. Statt sich Gedanken über Transport, Surfspots oder kulturelle Besonderheiten zu machen, kann man sich auf das konzentrieren, weshalb man eigentlich gekommen ist:
Surfen, geniessen und Spass haben.
Und oft passiert dabei etwas Schönes. Was anfangs fremd wirkt, wird plötzlich vertraut. Aus Unsicherheit wird Neugier. Aus einer Surfreise wird eine Erfahrung, die weit über das Surfen hinausgeht. Und beim nächsten Besuch im Land fühlt man sich vielleicht sogar wohl genug, um alleine zu kommen.
Unser Surf & Yoga Retreat in Marokko für dich:




Mein Fazit
Marokko ist nicht einfach nur eine warme und nahe Surf-Destination. Es ist ein Land voller Kontraste, Begegnungen und Überraschungen. Wer offen reist, Respekt mitbringt und bereit ist, sich auf eine andere Kultur einzulassen, wird mit weit mehr nach Hause kommen als nur mit ein paar guten Wellen.
Vielleicht erinnert man sich nach einer Woche Marokko gar nicht am meisten an den perfekten Pointbreak. Sondern an den Mann in der Dschellaba, der einem den Weg gezeigt hat. An den Minztee am Strand nach der Surf Session. Oder an die Kinder, die einem jeden Morgen am Strand zuwinken.
Wenn mich heute jemand fragt, warum ich jeden Winter wieder nach Marokko fahre, lautet die Antwort längst nicht mehr nur: wegen der Wellen. Ich komme wegen der Menschen, der Gastfreundschaft und dieses Gefühls, in einem Land angekommen zu sein, das mich jedes Jahr aufs Neue überrascht.

Marokko ist für mich weit mehr als nur eine Surf-Destination mit perfekten Wellen.
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