Text & Bilder: Florence Züger

«Ach du Scheisse» denke ich, als ich den dritten Duckdive unter einer Welle durchmache und wie eine Wahnsinnige rauspaddle, um einen vierten zu verhindern. «Wieso habe ich die Übungen nie gemacht? Wieso bin ich nicht zu den Chixxs on Board Trainings gegangen?»

Gestern wars noch OK, aber heute sind die Wellen eindeutig grösser und die Strömung kräftiger. Zudem habe ich mich für das kleinere Board entschieden. Toll. Während des Rauspaddelns, türmt sich plötzlich eine schöne, perfekte Welle vor mir auf. Mein Freund ruft mir zu «Ja! Komm, Paddle! Die hast du!» Ja, ich hätte sie gerne, doch meine Arme machen da nicht mit. Ich bin eh schon am Sterben und dann soll ich auch noch schnell das Brett drehen und mit noch mehr Power in die Welle paddeln und dann auch noch aufstehen. Leider nein. Und zäck, mein Freund ist weg und das Meer wieder flach. Und schon sind sie da, die Gedanken an was den alles so unter mir schwimmt. Das Meer ist dunkel und der Himmel grau verhangen. Der berühmte Winternebel Perus liegt über der Küste und zum Teil sieht man nicht Mal den übernächsten Point.

«Lalalaaa» denke ich, «alles ist schön und wenn ein Hai dich essen wollte, dann kommt er eh von unten und du bist tot bevor du es weisst».  Singen, summen oder auch nur schon an eine Melodie zu denken hilft mir mich abzulenken. Jetzt aber, weg mit den Gedanken und den Melodien, nur ich und die Wellen. Wo sind sie den die Wellen? Ach kacke, die Strömung hat mich schon fast 100 Meter vom Point weggerissen. Und da brennen die Arme auch schon wieder, als ich zurück und ein bisschen in die Inside paddle. Dann, denke ich, erwische ich früher eine der kleineren Wellen, bevor es mich wieder wegzieht.

Paddeln, paddeln, paddeln, super, da ists gut. Zufrieden. Lalalalalaa. Ah shit, ein grosses Set. Duckdive, Duckdive, ah meine Arme! Duckdive, oh Gott das schaff ich nie! Duckdive, uff! Okay ich hab’s überlebt, aber bin jetzt schon fast am nächsten Point. Auch okay. Wow! Da kommt eine super Welle! Okay, tief durchatmen, die hast du! Schön in die Welle rein, denn sie sind fett und nicht so steil! Yesss, ich habe sie und jetzt pop up! Fuuuuuuuuck.

Wie ein Sack Kartoffeln falle ich in die Wall der Welle und werde von ihr ein bisschen durchgeknetet. Die Finnen schrammen dabei über meine Finger und die Leash wickelt sich um beide Beine.

Keine Panik, alles gut, du kannst länger die Luft anhalten als du denkst. Okay, ich kann meine Beine nicht mehr zum schwimmen brauchen. Hui, zum Glück habe ich Plastikfinnen an diesem Board. Okay, jetzt könnte es mal noch oben gehen. Bitte. Bitte! Ah!

Und mein Gesicht bricht durch den Whitwash zu der Luftzufuhr. Schnell Leash entwirren und paddeln, Duckdive, paddeln. Meine Arme sind on fire! Soll ich aufgeben? Einfach den nächsten Whitwash an den Strand nehmen? Nein! Das schaffst du! Nur noch ein, zwei Setwellen. Und sie sind gar nicht so gross, oder? Ach, wieso habe ich nur all diese Serien auf Netflix geschaut, anstatt meine Arme zu trainieren?! Uff, geschafft! Okay, wo bin ich? Ah! Was ist das?!

An der Küste entlang Huanchacos hat es in grösseren Abständen vermooste Boyen, welche je nach Wellengang und Strömung immer plötzlich, woanders aufpoppen und einem, bzw. mir einen Schrecken einjagen. Okay kein Hai. Aber es könnte einer unter dir sein! Lalalaaa.

Ich bin wieder ein bisschen abgetrieben, aber eigentlich sitze ich ganz okay. Ach so schön, wie die Pelikane so Nahe an einem, Zentimeter über der Wasseroberfläche, vorbeischweben. Schön hier. Aber ich bin kaputt. Ich habe gerade auf einer wunderschönen Welle den Takeoff verkackt, weil ich zu faul war regelmässig Übungen zumachen. Frustrierend, aber selbst schuld. Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch: Eine Welle und dann raus!

Entweder sitze ich jetzt hier und warte bis eine zu mir kommt oder ich reisse mich zusammen, paddle genau an den Point raus und habe dann bestimmt eine Welle! Okay, Brust raus, Pobacken zusammen, Bauchmuskeln anspannen und Paddeln! Oh, die Sonne kommt raus, wie schön! Nicht ablenken lassen, los paddeln! Sonst treibt dich wieder ein Cleanupset weit weg vom Point. Immer wenn ich denke jetzt ist gut, gibt’s nochmals 10 Paddelzüge. Ich schaue mich um, niemand weit und breit. Mein Freund ist wahrscheinlich schon 2 Points weiter. Und da kommen sie, die Wellen.

Okay, sie sind gar nicht so gross wie sie aussehen. Keine Panik, nicht rauspaddeln, bleeeeib einfach sitzen, du sitzt perfekt. Tief durchatmen. Bitte verkack nicht den Takeoff. Nicht aufgeben. Wenn du sie nimmst, nimmst du sie! Wuuuh, ich hab sie! Ich hab sie! Schöner Bottomturn, speed holen, oh sie wird fett, ein Cutback, yeah! Die ist ja mega lang! Und jetzt noch ein bisschen im Whitwash stehen bleiben, ich will ja raus. Jetzt ganz elegant aufs Brett liegen. Yess, wie ein Profi. Und jetzt absteigen und ganz cool aus dem Wasser laufen. Die untergehende Sonne (hinterm Nebel) im Rücken, wie im Film. Und zäck, schwemmt mich eine grosse Shorebreakwelle weg. Egal, das Gefühl, dass es sich gelohnt hat meine Arme zu foltern und Adrenalin en mass auszuschütten, ist unbeschreiblich. Da kann ein uneleganter Abgang mit Haaren im Gesicht und Rotz am Kinn nichts dran ändern.