Das Bergell liegt tief eingebettet zwischen den Bergeller und den Rätischen Alpen und verbindet den Kanton Graubünden mit Italien. Du ahnst es vielleicht schon: Man fährt nicht «mal schnell» dorthin. Aber ich kann mit voller Überzeugung sagen: Der Weg lohnt sich. Und vielleicht kann ich dich inspirieren, dieses wunderschöne Fleckchen Erde in den letzten Sommer- und kommenden Herbstmonaten ebenfalls während ein paar Tagen zu entdecken.

Schon auf der Hinfahrt mit dem Bus oder im Auto wirst du von den schönsten Panoramen verwöhnt. Die Strecke entlang der Engadiner Seen ist zauberhaft und wird dir das Gefühl geben, mit den Kitesurfer*innen ein Schwätzchen abhalten zu können – so nahe bewegst du dich am Wasser.

Tag 1 – Maloja

Maloja, Passhöhe und Dorf zugleich, befindet sich direkt an der Grenze vom Oberengadin zum Bergell und empfiehlt sich als idealer Ausgangspunkt. Es gibt Unterkünfte für jedes Portemonnaie (Camping Maloja, Longhin oder Maloja Kulm). Auf der Passhöhe befindet sich ein kleines Aussichtsplateau, das den Blick ins Bergell freigibt – und auf die Serpentinenstrasse, die vom Pass hinunterführt. Nichts für schwache Nerven! In Maloja beginnen verschiedene Wanderwege. Besonders gut gefällt mir die Rundwanderung zum Bergsee Lägh da Cavloc. Auf dem Hin- oder Rückweg bietet sich ein Abstecher zum Lägh da Bitabergh an. Eine kurze Beschreibung der gemütlichen Halbtagestour findest du auf Bergfex.

Tag 2 – Sentiero Panoramico 

Der Panoramaweg eignet sich, wenn du einen Überblick über die Region erhalten möchtest. Es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste Variante führt von Casaccia nach Soglio über den klassischen Panoramaweg. Die Strecke kannst du abkürzen, indem du erst in Vicosoprano startest. Sowohl Casaccia als auch Vicosoprano sind einfach mit dem Postauto erreichbar. Die andere Route, welche ich aufgrund der Verhältnisse nicht machen konnte, startet ebenfalls in Casaccia und endet in Soglio, führt aber über das hoch gelegene Val da Cam. Der Bergell Blog, in welchem du beide Touren hervorragend beschrieben findest, nennt die Höhenwanderung «quasi die grosse Schwester des tiefer gelegenen Sentiero Panoramico». Egal, für welche Option du dich entscheidest: Das Panorama ist überwältigend dank der Bergeller Dreitausender über dem Val Bondasca wie den Piz Badile oder den Piz Cengalo. Letzterer hat 2017 beim Murgang von Bondo leider traurige Berühmtheit erlangt.

Unterkunftsmöglichkeiten bieten dir direkt in Soglio zum Beispiel das sympathische, familiengeführte La Soligna mit Sonnenterrasse, oder der historische Palazzo Salis, ein herrschaftliches Patrizierhaus. Alternativ kannst du mit dem Postauto in eines der Bergeller Dörfer fahren und dort übernachten, zum Beispiel im B&B Pontisella Stampa.

Tag 3 – Albignahütte

Ich muss zugeben, dass ich Wanderungen weniger lässig finde, wenn das Ziel auch via Gondel, Bahn oder gar Auto zu erreichen ist. Was den Albigna-Stausee betrifft, bin ich froh, dass ich eine Ausnahme gemacht habe. Die einzige Gondel des Bergells gehört den Elektrizitätswerken Zürich (EWZ) und führt zur Staumauer und dem Stausee Albigna. Hier wird Ökostrom produziert, gleichzeitig schützt der imposante Damm das Tal vor Überschwemmungen. Die Besichtigung der Staumauer eignet sich übrigens sehr gut als Schlechtwetterprogramm: Das EWZ bietet in den Sommermonaten jeweils am Dienstagvormittag Führungen an. Weitere Infos dazu findest du hier.

Natürlich könntest du die 900 Höhenmeter auch ab Pranzaira zum Stausee auch zu Fuss in Angriff nehmen. Aber ehrlich gesagt, sparst du dir deine Energie lieber für die Aktivitäten oben auf. Ausserdem ist die Gondelfahrt wirklich spektakulär (allerdings nicht geeignet, wenn du unter Höhenangst leidest).

Vom Staudamm aus kannst du in weniger als einer Stunde zur Albignahütte wandern. Die Hütte ist wiederum Ausgangspunkt für zahlreiche Klettertouren oder zur anspruchsvollen Wanderung ins Fornotal. Wenn du das Panorama auf 2336 M.ü.M. inmitten von Gletschern, Bergen und Seen etwas länger geniessen möchtest, übernachte am besten in der sehr schönen SAC-Hütte.

Tag 4 – Layday mit Kultur oder Gelati

Mal keine Lust auf Wandern? Dann empfehle ich dir einen Ausflug über die Grenze. Mit dem Postauto fährst du in etwas mehr als einer Stunde nach Chiavenna. Die kleine italienische Stadt wird von dichten Lärchen- und Tannenwäldern und imposanten Gipfeln umringt. Im historischen Stadtkern findest du ziemlich alles, was das Herz begehrt: Grotti, Palazzi, leckere Gelati, aber auch kleinere Shops, Museen und historische Stadtplätze.

Text & Bilder – Sarah Ha

Du hast Lust auf noch mehr Kultur? Das Bergell ist Heimat der Künstlerfamilie Giacometti. Auch Giovanni Segantini liess sich von der traumhaften Landschaft inspirieren. Auf dem Giacometti Art Walk erfährst du via Begleit-App, die du im Voraus herunterladen kannst, alles zur Bergeller Talgeschichte, wichtigen Kunstwerken und Anekdoten. Auch ein Abstecher in das ethnografische Museum Ciäsa Granda (früher Talmuseum genannt) in Stampa soll sich lohnen. Du bekommst dort einen Einblick in die «soziale, kulturelle und naturkundliche Geschichte des Bergells», um es direkt in den Worten des Museums zu sagen.

Tag 5 – Besuch im Oberengadin 

Da das Bergell an das Oberengadin grenzt, eröffnen sich dir auch auf der anderen Talseite wunderbare Wandermöglichkeiten. An einem heissen Tag empfehle ich dir – mit viel Wasser im Rucksack – den steilen, wunderschönen Weg zum Lej de la Tscheppa auf 2’600 M.ü.M. in Angriff zu nehmen. Angeblich soll der Wind oben manchmal sogar zum Kiten reichen. Als ich dort war, traf ich zwar keine Kiter*innen an, hatte den See dafür aber fast für mich alleine. Das Bad im herrlich erfrischenden Wasser ist die perfekte Belohnung für den schweisstreibenden Aufstieg. Auf Outdooractive findest du eine gute Beschreibung der Route.

Auch schön und eher erfrischend denn schweisstreibend ist die Wanderung von Maloja nach Isola entlang des Silsersees. Auf der Halbinsel gibt es ein kleines Restaurant und wenn du Lust hast, kannst du an verschiedenen Stellen ins kühle Nass hüpfen. Ab Isola kannst du entweder gemütlich bis Sils Maria weiterwandern oder mit dem Schiff zurück nach Maloja schippern. Auf der übrigens höchstgelegenen Kursschifflinie Europas.