Schneefelder im Frühling und Frühsommer: Versteckte Gefahren in den Bergen
Wenn die Temperaturen steigen und die ersten Bergtouren der Saison locken, begegnet man beim Wandern, Bergsteigen oder auch Trailrunning in vielen Gebirgsregionen ein oft unterschätztes Hindernis: Schneefelder. Was auf den ersten Blick harmlos aussieht, kann sich schnell zu einer ernsthaften Gefahr entwickeln. Gerade im Frühling und Frühsommer führen wechselnde Temperaturen, Schmelzwasser und instabile Schneestrukturen zu Risiken, die bei der Tourenplanung unbedingt berücksichtigt werden sollten.

Warum Schneefelder besonders tückisch sind
Schneefelder bleiben häufig in schattigen Rinnen, Mulden oder Nordhängen bis weit in den Sommer erhalten. Viele Wanderwege queren diese Bereiche, sodass eine Umgehung nicht immer offensichtlich ist.
Unser Problem: Die Bedingungen eines Schneefeldes lassen sich aus der Entfernung oft nur schwer beurteilen. Ein scheinbar stabiler Firn kann weich und durchfeuchtet sein, während ein harter Altschnee bereits am Morgen eisig und extrem rutschig sein kann.
Bereits ein Ausrutscher auf einem steilen Schneefeld kann schwerwiegende Folgen haben. Anders als auf einem Wanderweg ist ein Sturz auf Schnee oft kaum zu stoppen und endet nicht selten an Felsen, in Geröllfeldern oder steilen Abstürzen. Auch Schneebrücken über Flüssen können eine grosse Gefahr darstellen. Im Allgemeinem ist hier immer enorme Vorsicht geboten, wobei Umgehungen im Ernstfall meist sinnvoller, oftmals aber auch zeitintensiv sind.
Typische Gefahrenzonen von Schneefeldern
Steile Querungen
Besonders kritisch sind Schneefelder, die einen Wanderweg queren. Hier bewegen sich Bergsportler:innen seitlich über den Hang. Ein Ausrutscher kann unmittelbar zu einem langen Absturz führen. Ein Problem hier ist meist die Hangneigung, wobei man nur schwer gehen kann und ohne Steigeisen grosse Mühe hat. Das Zeitfenster spielt auch eine Rolle, ist dieses Schneefeld noch im Schatten, eisig und glatt oder scheint da schon länger die Sonne hin und man kann gut einen Schritt nach dem anderen setzten.
Nordhänge
Nordseitige Hänge erhalten deutlich weniger Sonneneinstrahlung. Dadurch bleibt der Schnee länger erhalten und ist oft härter und vereister als an sonnigen Hängen. Diesen Faktor kannst du problemlos in deine Planung mit eindenken oder diese Stelle als Schlüsselstelle mit einem Plan B planen.
Rinnen und Mulden
In diesen Bereichen sammelt sich über den Winter besonders viel Schnee. Die Schneedecke kann mehrere Meter mächtig sein und bis weit in den Sommer bestehen bleiben. Hier ist vorallem im Frühsommer oft auch der Zugang auf das Schneefeld nicht ganz einfach, wobei sich zwischen den Mulden und dem Schnee gerne ein Spalt bildet.
Felsabbrüchen
Ein Schneefeld mag harmlos wirken, doch unterhalb können sich steile Felsstufen oder Abstürze befinden. Wer hier die Kontrolle verliert, hat oft keine Möglichkeit mehr, rechtzeitig anzuhalten. Solche Orte sollten im Notfall immer umgehen werden.
Schmelzwasserrinnen und Bachläufe
Besonders im Frühsommer entstehen unter Schneefeldern Hohlräume durch fließendes Schmelzwasser. Die Schneebrücke darüber kann plötzlich einbrechen. Hier lohnt es sich vorsichtig über diese Fläche zu gehen, im Notfall auf auf allen Vieren. Sollte eine solche Schneedecke einbrechen, ist eine Rettung enorm schwer. Eine Sicherung mit dem Seil, kann hier Sicherheit schenken. Dazu sollte gut begutachtet werden, wo die dickste Stelle ist.

Alarmzeichen: Besondere Vorsicht ist geboten
Wer diese Warnsignale erkennt, kann viele Gefahren frühzeitig vermeiden. Hier ein paar Tipps, auf was du dich achten kannst. Denk aber immer daran, meist stehen wir vor allem an, wenn wir keinen Plan B vorbereitet haben. Analysiere deine Tourenplanung daher im Voraus, wo solche Schneefelder noch bestehen könnten, um vorbereitet zu sein.
Der Schnee ist hart und eisig
Vor allem am Morgen nach klaren Nächten gefriert die Oberfläche. Die Trittfestigkeit ist gering, während ein Sturz kaum gestoppt werden kann. Optional wären hier Spikes oder Steigeisen sehr sinnvoll. Was auch helfen kann, ist eine Seilsicherung oder beim Gehen Stöcke oder einen Pickel zur Hand zu haben.
Tiefe Fussabdrücke
Sinkt man bei jedem Schritt tief ein, verliert man Stabilität und Kraft. Zudem können verborgene Hohlräume oder Schwachstellen vorhanden sein. Im Notfall hier auf allen Vieren weitergehen und das Gewicht auf die ganze Körperfläche verteilen.
Sichtbare Schmelzwasserrinnen
Fliessendes Wasser unter oder auf dem Schneefeld weist auf fortgeschrittene Feuchte und mögliche Instabilität hin. Schau hier genau, wo das Schneefeld noch am dicksten ist und umgehe dieses im Notfall.
Dunkle Löcher oder Einsenkungen
Diese können Hinweise auf Hohlräume, Bachläufe oder bereits geschwächte Schneebrücken sein. Nimm diese ernst und umgehe sie grossflächig.
Fehlende Trittspuren
Wenn selbst stark frequentierte Wege keine vorhandenen Spuren aufweisen, könnte dies darauf hindeuten, dass andere Bergsteiger die Passage gemieden haben. Denk jedoch daran, nicht alle Trittspuren sind gut, vertraue daher nicht nur den Spuren, sondern deiner Erfahrung und Intuition.
Unsicheres Bauchgefühl/ Intuition
Ein oft unterschätzter Faktor. Wer bereits beim Betrachten eines Schneefeldes Zweifel hat, sollte die Situation besonders kritisch bewerten. Bespricht das in der Gruppe transparent und falls du alleine bist, besprich es mit dir selbst.
Schneefelder als Schlüsselstellen in der Tourenplanung
Viele Unfälle entstehen nicht am Schneefeld selbst, sondern bereits durch unzureichende Vorbereitung.
Deshalb sollten Schneefelder bereits bei der Planung als mögliche Schlüsselstellen betrachtet werden. Ob es noch Schnee hat, findest du heraus mit naheliegenden Webcams von Hütten, Bergbahnen usw.! Dazu ist der Austausch mit anderen auch immer sinnvoll. Ein Anruf in eine Hütte, wie der Hüttenzustieg ist, kann sehr wertvoll sein und zeigt keinerlei Schwäche.
Aktuelle Verhältnisse recherchieren
Vor der Tour lohnt sich ein Blick auf:
- Aktuelle Tourenberichte
- Bergsportportale
- Webcams
- Hütteninformationen
- Lokale Bergführerberichte
Diese Quellen liefern oft Hinweise darauf, ob Schneefelder auf der Route noch vorhanden sind.
Exposition analysieren
Denk nochmals daran, Nord- und Osthänge halten den Schnee meist deutlich länger als Südhänge. Auch Höhenlage und Geländestruktur spielen eine wichtige Rolle.
Kritische Wegabschnitte identifizieren
Topografische Karten und digitale Tourenplanungs-Apps helfen dabei, steile Querungen, Rinnen oder schattige Passagen bereits im Vorfeld zu erkennen. Dies beansprucht jedoch eine gute Kenntnis vom Lesen einer Karte und diesem damit entstehenden 3D-Blick. Dazu gibt es auch immer mehr 3D-Ansichten, die dir dabei helfen können.
Alternativen vorbereiten
Wer bereits vor Tourbeginn Ausweichrouten kennt, trifft vor Ort bessere Entscheidungen und gerät weniger unter Zeit- oder Erfolgsdruck. Darum immer mit einem Plan A, B und am besten auch C planen.

Strategien zum sicheren Umgang mit Schneefeldern
Früh starten
Am frühen Morgen sind Schneefelder oft noch kompakt. Allerdings können sie dann auch hart und rutschig sein. Die richtige Einschätzung der Verhältnisse bleibt entscheidend.
Deine Checkliste vor einer Querung
Vor einer Querung solltest du dir folgende Fragen stellen:
- Wie steil ist der Hang?
- Was befindet sich unterhalb?
- Ist der Schnee weich oder hart?
- Gibt es sichere Trittmöglichkeiten?
- Kann ein Sturz gestoppt werden?
Konsequentes Umkehren
Eine der wichtigsten Fähigkeiten im Bergsport ist die Bereitschaft zur Umkehr. Wenn eine Passage zu riskant erscheint, ist der Rückweg meist die bessere Entscheidung.
Ausweichrouten nutzen
Oft lassen sich Schneefelder über schneefreie Rücken, Grasflächen oder alternative Wege umgehen. Dabei muss jedoch darauf geachtet werden, keine zusätzlichen Absturz- oder Steinschlaggefahren zu erzeugen. Plane hier auch bei deiner Planung immer genug Zeit ein, ein Umgehen kostet oftmals einiges mehr an Zeit.
Deine Checkliste für eine geeignete Ausrüstung
Je nach Tour können sinnvoll sein:
- Trekkingstöcke
- Grödel oder Leichtsteigeisen
- Bergschuhe mit guter Profilsohle
- Gamaschen
- Bei anspruchsvolleren Touren auch Pickel und entsprechende Kenntnisse
Ganz wichtig hierbei: Deine Ausrüstung ersetzt jedoch niemals Erfahrung und eine realistische Risikobewertung.
Besondere Gefahr: Der psychologische/MENTALE Faktor
Oftmals erleben wir Schneefelder erst, nachdem wir bereits mehrere Stunden unterwegs waren. Der Gipfel scheint nahe, die Motivation ist hoch und die investierte Zeit gross.
Genau dann entsteht die Gefahr, Warnsignale zu ignorieren. Der sogenannte „Gipfeldrang“ oder oftmals auch “Gruppendruck” führt immer wieder dazu, dass objektive Risiken verdrängt werden.
Diese einfache Regel hilft:
Ist die Schlüsselstelle schwieriger oder gefährlicher als erwartet, sollte die Tour neu bewertet werden – unabhängig davon, wie nah das Ziel bereits erscheint.
Fazit

Schneefelder gehören im Frühling und Frühsommer zu den häufigsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Gefahren im Gebirge. Besonders steile Querungen, vereiste Oberflächen, Schmelzwasserbereiche und Schneebrücken können selbst auf vermeintlich einfachen Wanderwegen ein erhebliches Risiko darstellen.
Wer Schneefelder bereits bei der Tourenplanung als mögliche Schlüsselstellen berücksichtigt, aktuelle Verhältnisse recherchiert und vor Ort konsequent auf Alarmzeichen achtet, erhöht seine Sicherheit deutlich. Die wichtigste Sicherheitsmassnahme bleibt jedoch die Bereitschaft, eine Passage oder sogar die gesamte Tour abzubrechen, wenn die Verhältnisse dies erfordern.
Denn in den Bergen gilt mehr denn je: Der Gipfel läuft nicht weg – die eigene Sicherheit hat immer Vorrang.
Die Inhalte basieren auf allgemein anerkannten Empfehlungen, wie sie beispielsweise von Organisationen wie dem Deutscher Alpenverein, dem Österreichischer Alpenverein, dem Schweizer Alpen-Club oder Bergrettungsorganisationen vermittelt werden.
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