Selbsteinschätzung: Warum sie uns als Frauen oftmals so schwerfällt
Meine Tipps für einen selbstbestimmten Sommer nach deinem Gusto
Aus meiner Erfahrung von über zehn Jahren mit Frauenkursen im Berg- und Outdoorsport weiss ich: Eine ehrliche Selbsteinschätzung ist oft gar nicht so einfach.
Selbst wenn wir uns intensiv mit uns selbst beschäftigen, spielt auch unser Zyklus eine Rolle. In gewissen Phasen planen wir voller Motivation und Selbstvertrauen, fühlen uns stark und bereit für neue Herausforderungen. Kurze Zeit später hinterfragen wir dieselben Entscheidungen vielleicht wieder, zweifeln an unseren Fähigkeiten oder verlieren etwas Vertrauen in uns selbst.
Das Thema Selbsteinschätzung wird oft unterschätzt. Dabei ist es entscheidend – unabhängig davon, ob du dich lieber in deiner Komfortzone bewegst oder wachsen und neue Erfahrungen sammeln möchtest. Viele von uns gehen neue Herausforderungen eher nach dem Motto „einen Schritt vor und zwei zurück“ an.
Ist das schlecht? Ich denke nicht.
Denn wir dürfen nicht vergessen, in welchen Strukturen wir aufgewachsen sind, welche Rollenbilder uns geprägt haben und was tief in uns sozialisiert wurde. All das beeinflusst, wie wir mit Risiken, Zielen und neuen Erfahrungen umgehen.
Was ich damit meine
Ich glaube, manchmal vergessen wir, wie tief bestimmte biologische und gesellschaftliche Prägungen in uns verankert sind.
Unser Körper ist grundsätzlich darauf ausgelegt, jeden Monat die Möglichkeit einer Schwangerschaft zu schaffen. Unabhängig davon, ob wir Kinder möchten oder nicht, beeinflussen hormonelle Prozesse unser Energielevel, unsere Emotionen und oftmals auch unser Sicherheits- und Verantwortungsgefühl.
Das bedeutet nicht, dass wir weniger leistungsfähig sind. Es bedeutet lediglich, dass wir nicht jeden Tag dieselben Ressourcen zur Verfügung haben – körperlich wie mental.
Wenn du deinen Zyklus gut wahrnehmen kannst, lohnt es sich deshalb, mit ihm zu planen statt gegen ihn.
Zurück zu deiner Selbsteinschätzung
Folgende Fragen können dir dabei helfen, Klarheit für deinen Sommer zu gewinnen:
1. Was will ich wirklich?
Nimm dir für diese Frage bewusst Zeit. Es geht nicht darum, was die Gesellschaft von dir erwartet oder was andere Menschen gerade tun. Es geht auch nicht darum, welche Ziele auf Instagram besonders beeindruckend aussehen.
Es geht um deine ganz persönlichen Bedürfnisse. Vielleicht sind diese heute ganz andere als noch vor einem Jahr – und das ist vollkommen in Ordnung.


2. Was sind meine Stärken?
Schreib sie auf. Etwas im Kopf zu wissen, ist das eine. Es schwarz auf weiss vor sich zu sehen, hat eine ganz andere Wirkung.
Überlege dir zum Beispiel:
- Wie viele Höhenmeter kann ich problemlos bewältigen?
- Wann komme ich an meine Grenzen?
- Was fällt mir besonders leicht?
Vielleicht hast du ein Talent für Planung, Kommunikation oder Gruppendynamik.
Ich persönlich finde, dass ich gut mit Menschen umgehen kann, ihre Bedürfnisse wahrnehme und aufmerksam auf sie eingehen kann. Das gehört genauso zu meinen Stärken wie technisches Wissen am Berg.
Sei heute einmal ganz auf deiner eigenen Seite und notiere alles, was dich ausmacht und was du gut kannst.
3. Woran möchte ich noch arbeiten?
Diese Frage fällt den meisten von uns deutlich leichter. Versuche dabei, möglichst konkret zu sein.
Statt zu schreiben: „Ich muss besser werden.“ formuliere lieber: „Ich möchte meine Ausdauer verbessern.“ oder „Ich möchte mehr Sicherheit beim Kartenlesen gewinnen.“
Je konkreter du bist, desto einfacher wird der nächste Schritt.

4. Was sind meine Ziele – und was brauche ich dafür?
Ziele zu haben, ist etwas Wunderschönes. Sie geben uns Orientierung, Motivation und manchmal genau den kleinen Schub, den wir im Alltag brauchen.
Vielleicht träumst du von einem bestimmten Gipfel. Vielleicht möchtest du zum ersten Mal alleine mehrere Tage unterwegs sein. Vielleicht möchtest du lernen, selbstständig Touren zu planen.
Wichtig ist, dass dein Ziel zu dir passt.
Frage dich deshalb:
- Bin ich bereits bereit für dieses Ziel?
- Welche Fähigkeiten bringe ich schon mit?
- Was möchte ich vorher noch lernen?
- Benötige ich Unterstützung?
Vielleicht brauchst du eine Mentorin, eine Bergführerin oder jemanden, der gemeinsam mit dir eine Planung anschaut. Vielleicht brauchst du aber auch einfach ein Gespräch, das dir bestätigt, dass dein Ziel realistisch und passend ist.
Fazit
Alles, was du gerade gelesen hast, ist nicht in Stein gemeisselt.
Bedürfnisse, Fähigkeiten und Ziele verändern sich laufend. Deshalb lohnt es sich, regelmässig innezuhalten und sich selbst zu reflektieren.
Nimm dir nach Erlebnissen, Touren oder Kursen bewusst Zeit für einen kurzen Rückblick:

Was ist gut gelaufen?
Was habe ich gelernt?
Was möchte ich mitnehmen?
Und vor allem: Zelebriere deine Erfolge.
Auch dann, wenn der Erfolg heute nur bedeutet, dass du überhaupt aus dem Haus gekommen bist. Sei stolz auf dich, wenn du deinen Bedürfnissen gefolgt bist. Wenn du Neues gelernt hast. Wenn du Erfahrungen gesammelt hast.
Und denke daran: Nicht jede Lebensphase ist für Wachstum und Höchstleistungen gemacht.
Manchmal fehlen uns die Kapazitäten, die Energie oder die Zeit. Manchmal ist es genug, einfach da zu sein. Es muss nicht immer höher, weiter oder extremer werden.
Bleib bei dir, bei deinen Bedürfnissen und bei deinem eigenen Tempo.
Und wenn du merkst, dass ein Ziel wirklich aus deinem Inneren kommt und nicht von aussen auf dich projiziert wurde, dann ist oft viel mehr möglich, als du heute vielleicht glaubst.
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