Text & Bilder: Florence Züger

Ich sitze vor meinem Kleiderschrank. In 2 Tagen geht’s auf Reisen und jetzt wird gepackt. Mindestens 1 Jahr Südamerika! Einerseits müssen sicher meine Lieblingssachen mit. Andererseits gehen die Kleider auf Reisen schneller kaputt. Heisst also, die Halb-Lieblingssachen kommen mit. Es muss gleichzeitig praktische und schöne Kleidung sein, für den Sommer und für kalte Tage gut sein, vor der Sonne, Mücken und dem Wind schützen, bequem, aber auch stillvoll sein und beim Skaten möglichst nicht kaputt gehen. Da kein Kleidungsstück auf dieser Welt mehr als zwei dieser Attribute kombiniert, bin ich schon im Vornherein dazu verdammt zu viel einzupacken. Ich brauche sicher Skateschuhe, aber auch Schuhe, die zu einem Kleid passen und was, wenn ich in den Ausgang will, aber nicht mit meinen Vans. Bequeme Schuhe zum Auto fahren wären auch noch super und natürlich Tracking Schuhe! Naja, das grösste Paar zieh ich eh einfach in den Flieger an. (Das ich sie auf Reisen dann aber nicht immer anhabe, streich ich jetzt einfach mal aus dem Kopf).

Da ich ‘nur’ zwei Surfboards habe, muss ich wenigstens da nicht entscheiden und nehme sicher beide mit. Mein Skate kommt sowieso mit, aber soll ich auch ein Longboard mitnehmen? Wenn wir ein Auto haben ist ja okay, oder?

Bei den Wetsuits wird’s schon schwieriger. Nachdem ich Wasser-, Aussentemperatur und Windverhältnisse in allen Ländern wo wir hingehen gecheckt habe, bin ich nicht wirklich schlauer. Im Stormrider gehen die schon bei 15 Grad mit einem 3/2er ins Wasser, während ich’s mit einem 4/3er und Booties bei 17 Grad angenehm finde. Da ich neben 3/2er und 4/3er auch noch einen 2/2er Shorty, Surfleggins, Surfbody und Surfshirt habe, wird die Entscheidung schwierig. Hmm, ich nehme einfach alles mit! Inklusive 3/2er Booties, Reefbooties, Handschuhe und etwa 2000 Bikinis.

Was braucht man noch so alles, wenn man weg geht, skatet und surft? Natürlich Skatepads und Helm, weiche Wheels, Tool, Ersatzschrauben, Surfflickset, Schleifpapier, Finkey, mind. 2 Paar Finnen, 2 Leash, Wax, Zink und all das Verpackungsmaterial, damit die Surfboards heil ankommen.

Da ich nach jeder Skatesession das T-Shirt eigentlich verbrennen kann aufgrund körperlicher Anstrengungen, packe ich nochmal 3 extra Shirts ein (weil ich ja gaaanz bestimmt keins kaufen werde dort). Jetzt ists aber gut. Es kommt nur noch die Reiseapotheke, Spiele, Necessaire, Notizbücher, Tablet, Ladegeräte, Bastelbögen, Schmucktäschli, Sackmesser, Stirnlampe, Zundhölzli, Seidenschlafsack, Bücher, Stifte, Schoggi, Balsamicoperlen und ein Rivella in die Tasche. Alles easy. Ich muss nicht einmal auf meine 120 Liter Tasche draufsitzen beim Zumachen.

Und wie ich mich hasse! Schon so ziemlich am ersten Tag im fremden Land verabscheu ich meine Gier so viel mitgenommen zu haben. Wieso um Himmelswillen habe ich gedacht, dass ich den alle diese Sachen brauche! Ich habe jedes einzelne Teil, noch mit Hilfe einer Freundin, gedreht und gewendet und dann wirklich entschieden; doch, DAS brauche ich! Wenn ich mich nun, im Hostel, hinsetzte und meine Tasche öffne, fest entschlossen die Hälfte zu vernichten, merke ich aber; doch, ich brauche das wirklich alles!

Das ist natürlich Unfug! Natürlich brauche ich nicht alles. Ich bin mir einfach den Luxus von zuhause gewöhnt mich drei Mal am Tag umziehen zu können, wenn ich wollte. Auf Reisen sieht’s aber so aus, dass es zwei, drei Outfits gibt, die getragen werden, bis sie zerfallen oder von den ausländischen Waschmaschinen zerrissen werden. Das planmässige, zweitägige Packen hat nichts genützt! Ich hätte mich einfach Fragen sollen: was brauchst du für eine Woche, sagen wir im Schweizer Herbst? Könnte voll warm werden, aber auch kalt. Beanie und Sonnenbrille, Shorts und Hosen, Pulli und T-Shirt. So einfach wär’s.

Ich beneide die ‘normalen’ Backpacker, wenn sie mit ihrem kleinen Rucksack und einem Handtäschchen an mir vorbei gehen. Das Schwerste, das sie tragen, sind die Treckingschuhe und wahrscheinlich das Eigengewicht des Rucksacks. Wenn ich nicht lange genug gewartet habe mit weiterreisen oder wenn ich Pech hatte und die Sonne sich Tagelang nicht zeigte, ist mein schwerstes Gewicht das Wasser, das immer noch in meinem Neo steckt. Mit noch mehr Pech wird auch das Surfboad immer schwerer, wenn es wieder mal ein kleines Loch hatte, das ganz viel Wasser saugen konnte. Dabei schmerzen nicht nur die Schultern mehr, sondern auch die Flugtickets werden teurer mit dem Extragewicht.

Ich beneide die ‘normalen’ Backpacker, wenn sie aus dem Bus aussteigen und Richtung Hostel laufen. Ich wiederum brauche ein Taxi oder ein Uber, wenn ich nicht kläglich am Gewicht sterben will. Eigentlich auch gar nicht so schlimm, ausser dass jede Reise immer ein bisschen mehr kostet, oder? Leider doch. Denn nur jeder Dritte lässt sich mit Handzeichen und gebrochenem Portugiesisch/Spanisch/was auch immer davon überzeugen, dass sein Auto nicht kaputt geht, wenn man ein Boardbag aufs Dach bindet. Und ja, ich habe auch Straps dabei, kein Problem also, bitte. Bitte! Es bringt auch nichts, wenn man ein Uber Bag oder Uber Select bestellt, die motzen genauso. Es braucht einfach eine riesen Portion Geduld, Zeit und Selbstbewusstsein.

So sehr ich auch jeden Tag grüble was ich noch loswerden kann, warum die Tasche denn so schwer ist und schlussendlich auch Kleidung und Kleinzeug loswerde, ein Gedanke fasse ich immer. Das Schwerste Gepäck ist mein Boardbag und mein Skate und nein, DIE kommen nicht weg!

Wie gross auch die Abneigung vom Reisetag ist und wie viel Geduld es auch braucht jeglichen Menschen zu erklären, dass ein Boardbag nichts Böses ist, es lohnt sich. Es lohnt sich, wenn man an einen Menschenleeren Strand kommt und die perfekten Lefts brechen. Ohne 4/3er und Booties wäre es ‘ne doofe Session. Es lohnt sich, wenn man an kleine Wellen herankommt, in denen das andere Board viel mehr Spass macht. Es lohnt sich, wenn du mehr als einmal die Möglichkeit bekommst, die längste Left der Welt zu surfen. Es lohnt sich, wenn Einheimische dich einladen in Pedro Barros Bowl, Vertramp und Streetpark zu skaten. Es lohnt sich, wenn es eine Bowl im Nachtclub hat, in welchem du Party machen willst. Es lohnt sich.

Ist das nicht der Grund weshalb wir reisen? Zu tun was wir lieben? In meinem Fall bedeutet dies ein gewisses Mass an zu viel herumzutragen, auch wenn ich empfehle das andere zu viel zuhause zu lassen. Viele gehen auch genau auf Reisen, um ihr Laster loszuwerden. Für uns Surfer- und SkaterInnen beinhaltet es aber noch mehr. Ich gehe nicht gerne in eine Favela, vor allem nicht wenn’s dunkel ist. Aber fürs Skaten mache ich das. Ich stehe nicht gerne früh morgens auf und ich laufe nicht gerne kilometerweit mit einem Board unter dem Arm. Aber fürs Surfen mache ich das. Surfen bringt mich aus dem Bett. Surfen bringt mich zum Laufen und Surfen bringt mich zum Schleppen.