Mein Freund JP und ich haben uns im Juni 2019 entschieden für etwa ein Jahr mit Surf- und Skateboards Südamerika zu bereisen. Wir sind also nach Peru geflogen und haben uns ein Auto gekauft. Auf unserem ewigen Surftrip lernen wir immer wieder Menschen kennen, die uns beeindrucken und mit denen man interessante Unterhaltungen führt. Ihre Ansichten, Witze und Lebenseinstellungen werden zu Wegweisheiten, die uns, und vor allem mich, auf unserer Reise begleiten.

[Bermejo]
Seit Monaten das erste Mal, stürze ich mich in den Ozean. Es ist kalt, ich habe ganz vergessen wie anstrengend es ist, sich in einen 4/3er Wetsuit zu zwängen. Es ist es dann aber wert, wenn das kühle Wasser einem beim ersten Duckdive fast das Gehirn gefrieren lässt. Vor allem ist es wert, wenn man allein, nur mit seinem Freund, an einem perfekten, linken Pointbreak sitzt und nicht aus dem Wasser will. Bermejo liegt mit dem Auto etwa 4h nördlich von Lima entfernt. Laut Navi dauert es eine Stunde länger, da man Wenden gehen muss. In der Strassenbahntrennung hat es aber immer wieder Lücken, wo alle wenden, auch Lastwagen. Und bei der Ausfahrt zu Bermejo hat es genau so eine. Einfach Warnblinker rein, hupen und Hand aus dem Fenster. Das Universalzeichen in Peru, dass man abbiegt. Zum Strand kommt man nur mit 4×4, daher hat es auch wenig Leute. Im Sommer am Wochenende hat es anscheinend einige, doch es ist Winter, neblig und menschenleer. Ein Ort an dem man so richtig mit der Welle und der Natur verschmelzen kann.

Mateo Valderrania Piminchumo

«My goal in surfing is to be connected with nature»

«Mi objecto en correr e estar conectado con la naturaleza »

Eines von vielen Attributen, was das Surfen zu dem macht was es ist. Dementsprechend hören wir auch von vielen Surfern, dass es einer der Hauptgründe ist, die sie zum Surfen brachte. Neben der rauen Natur, die man besonders erlebt, wenn man allein an einem leeren Strand surft, ist es auch unglaublich schön, dass jede Welle dir gehört. Leider müssen wir diesen perfekten Ort frühzeitig verlassen, weil uns das Gas ausgeht. Eigentlich wollen wir zurückkommen, doch die Tankstelle erweist sich als zu weit weg. Also geht es weiter Richtung Norden. Auf dem Weg finden wir nicht wirklich nennenswerte Surfspots, bzw. funktionieren diese nicht. Zudem werden wir mehrmals gewarnt nicht hier und nicht dort zu campen, weil wir sonst ausgeraubt würden. Und dieser Nebel! Er begrüsst einem am Morgen und küsst einem Gute Nacht am Abend. Nach einigen Tagen ohne Surf, mit der Aussicht ausgeraubt zu werden und der nebligen Suppe, die auf das Gemüt drückt, frage ich mich, was ich genau hier mache.

Nato Angelakis

«Indonesia isn’t the only place with amazing waves in the world, travel around and try something different (I’m talking to you, Australians!)”

Auch wenn wir nicht Aussies sind, hat Nato natürlich Recht. Etwas neues probieren und nicht einfach wie alle nach Indo gehen, wo die Sonne scheint und im Bikini gesurft wird. Die Spots aber auch so voll sind, dass man manchmal gar keinen Bock mehr hat. Wir sind jetzt hier, ohne viele Menschen und mit viel Bock. Also scheiss auf den Nebel und ab auf die Suche nach Wellen!

[Huanchaco]
Die Wellen kommen schliesslich in Huanchaco. Und sie sollten für mehr als 2 Monate bleiben. Der Surf ist hervorragend, doch wir bleiben eigentlich unfreiwillig so lange in diesem Städtchen. Einen Tag nach unserer Ankunft, tauchen 5 Typen in offiziell aussehenden Westen neben unserem Auto auf. Sie sind von der peruanischen Zollbehörde SUNAT und benötigen unsere Papiere. 5 Stunden später stehen wir vor dem Tor des SUNAT Gebäudes ohne Auto, ohne Aussichten und ohne Plan. Sie haben unser Auto konfisziert, weil der Verkäufer die Papiere nicht richtig gehandhabt hatte, das Auto nun zu lange im Land ist und anscheinend sowieso illegal verkauft wurde. He fucked up, wir leiden. Unser Zuhause ist weg und unsere Reise ändert sich von einem Moment auf den anderen.

Andrés Ygnacio Lazo Varela aka Nacho

«Be humble, with everyone and everything!»

«Ser humble, con todos!»

Wir bleiben also mehr als 2 Monate in der Nähe des SUNAT Zentrums, welches gleich neben Huanchaco ist, um allfälligen Papierkram zu erledigen und herauszufinden was unsere Möglichkeiten sind. Wir nehmen uns eine Anwältin und lernen das südamerikanische Rechtssystem kennen: darauf warten, dass nichts passiert. Auch wenn wir wütend, traurig, frustriet und geschlagen sind, versuchen wir humble zu sein und unseren Rückschlag nicht auf unser Glück auswirken zu lassen. Das Surfen hilft.

Will Bowers

«Just get amongst it»

Ob dieser Tipp für besonders grosse oder starke Wellen gedacht ist oder einfach gemeint ist wieder aufzustehen und sich in die Wellen und das Leben zu stürzen, ist eigentlich egal. Er ist simpel und hilft. Zu Beginn gehen wir jeden Tag zweimal ins Wasser, machen ein schönes Warmup und stehen früh auf. Mit der Zeit werden wir (oder vor allem ich) schlampiger. Das Warmup geht nur noch 2 Minuten, es wird einmal gesurft und dies nicht frühmorgens.

Christie Ash

«Just have fun out there»

Doch es ist doch egal. Christie hat Recht, es geht darum Spass zu haben und nicht sich dazu zu zwingen so oft wie möglich zu gehen. Vor allem, wenn man wie wir gaaanz viel Zeit hat zu surfen. Das Prinzip so oft wie möglich ins Wasser zu gehen, verfolgen wir Schweizer halt oft, weil wir kein Meer vor der Haustüre haben und die Zeit ausnutzen wollen. Doch der Spass ist und bleibt das Wichtigste beim Surfen. Ab und zu rufen ich mir Christies Ratschlag im Wasser in den Kopf, wenn ich wütend werde, weil ich keine Wellen erwische oder mich jemand sneaked.

«The shorter the board or the bigger the wave does not mean anything if you’re a surfer with a crappy attitude» (Roxane Boruat)

Wenn man vergisst beim Surfen Spass zu haben, rutscht man schnell in eine schlechte Stimmung. Roxy bezieht ihre Aussage wahrscheinlich eher auf irgendwelche Möchtegern Prosurfer, die denken sie dürfen alles. Aber mir ist es wichtig, dass auch ich keine crappy attitude habe und meine Launen an anderen Surfern auslasse. Ich mache auch Fehler, versuche daher nicht auf unbeabsichtigte Drop-Ins oder im Weg herumliegende Surfer wütend zu werden. Den keiner machts extra und wenn, dann ist er einer der besagten crappy Surfers.

Zum Glück gibt es in Huanchaco eigentlich nur nette Surfer und Locals. Es hat sowieso nie viele Leute und die, die im Wasser sind, sind gechillt und spielen nicht ihre Local Karte aus. Ein fast Local sagt mir sogar, das wichtigste beim Surfen für ihn sind:

Nicolas Alveraz

«Good energy and vibes in the water»

«Buena energia y vibre en el agua»

Wie sehr ich seine Aussage unterstütze. Leider bringe ich nicht immer ein Lächeln mit beim Surfen. Weil ich halt nichts erwische oder immer in die Waschmaschine komme oder weil ich einfach mit dem falschen Bein aufgestanden bin. Man muss ja nicht immer happy sein. Wichtig ist mir aber, dass ich dies nicht auf die anderen übertrage, ausser vielleicht auf meinen Freund, sorry JP.

Tomy Roler Uncanan Arzola

«Surfing waves is the best thing, good satisfaction and relaxation»

«Es lo mejor correr olas, buena satifaccion y relajadamente»

Zum Surfen zählt Tomy Befriedigung und Entspanntheit. Dies beschreibt etwa mein Befinden beim Surfen, leider nicht immer in Kombination. Um eine gewisse Befriedigung zu erreichen, muss man ja eine gute Welle haben, um dann wiederum entspannt zu sein. Das Ziel ist also seine Erwartungen an sich selbst richtig zu stecken, um dann befriedigt und wiederum entspannt zu surfen. Eigentlich ein machbares und verständliches Ziel und Gefühl.

[Chicama]
Mit Befriedigung und Entspanntheit hatte ich in Chicama zu kämpfen. Zweimal während unseres Aufenthalts in Huanchaco besuchen wir die längste Left der Welt. Sie läuft nur bei grossem Swell. Daher ist das Dörfchen Puerto Malabrigo bei kleinem Swell leer und bei grossem Swell voll und auch teurer. Mit dem grossem Swell kommt auch eine unglaublich starke Strömung, die fast unmöglich ist gegen an zu paddeln. Dies verteilt die Surfer aber auch über die einzelnen Peaks, was die Welle weniger crowdet macht. Viele gönnen sich auch deshalb ein, für peruanische Verhältnisse teureres, Motorboot-Taxi. Die restlichen laufen die fast 4 Kilometer zum Point und springen dort ins Wasser.

«Don’t give up, surfing is for everybody»

«No rendirse, el surf es para todos» (Tomy Roler Ucañan Arzola)

Hört sich easy an, die Strömung ist aber echt krass und die Wellen nicht gerade klein. Das erste Mal sind wir unmittelbar vor dem Point ins Wasser. Mich hätte es fast in die Steine gezogen. Das zweite Mal sind wir fast 10 Minuten länger gelaufen und dort gemütlich rausgepaddelt. Beim Point angekommen, muss man ziemlich schnell eine Welle nehmen, bevor einem die Strömung wegzieht. Nach etwa 40 Minuten laufen und rauspaddeln muss man zudem hoffen, dass kein Motorboot-Taxi eine Ladung Asozialer ausleert, welche einem dann für die nächsten zwei Sets alle Wellen wegschnappen. Ich hatte schon grossen Respekt dort draussen zu sitzen mit 7 Fuss Wellen und starker Strömung. Man fragt sich: Bin ich da richtig? Bin ich den guten Pros im Weg? But then again, Tomy hat recht. Er als Prosurfer sagt sogar, dass Surfen für alle was sein und man nicht aufgeben soll! In Chicama surft jung, alt, long- und shortboard, Pros und Neuverliebte. Auf der Toilette in unserem Hostel steht: In Chicama hat es genug Wellen für alle. Also ab in die 2.5 Meter Welle mit Geschrei. Ich habe wirklich geschrien. JP dachte ich wäre umgefallen. Ich stand aber, und surfte die bisher grösste Welle des Trips.

«Being out in nature and expressing yourself and surfing is the funnest thing in the world to do – maybe even better than sex!» (Nato Angelakis)

Dieses Gefühl würde ich schon mit gutem Sex vergleichen. Solange surfen bis die Beine brennen, bis man nicht mehr kann. Das Adrenalin, wenn man die grossen Brecher sieht und weiss, dass man da jetzt reinpaddelt. Wenn man’s dann schafft und die wunderschöne blaue Wand vor einem sieht, die gesurft werden will. In Chicama kommen alle lächelnd aus dem Wasser, müde und glücklich. Man hat soeben die längste Welle seines Lebens gesurft und ich dazu noch die grösste. Ich weiss wieder was ich da mache und weshalb ich surfe.

[Back to Huanchaco]
Unser unfreiwilliges Zuhause enttäuscht aber auch nicht mit grossen und langen Wellen. Ziemlich jede Session ist ein Erfolg. Das Positive so lange an einem Ort zu bleiben und die gleiche Welle zu surfen ist: man wird richtig gut im Surfen!

Roxane Borruat

«Don’t forget to stuff your wetsuit with trash you encounter in the waves (you can also tie it to your bikini!)»

Leider ist die Verschmutzung an unserem temporären Homespot ein grosses Problem. Der ganze Müll von Trujillo wird in Huanchaco angeschwemmt. Roxy sieht man jedes Mal mit tonnenweisem Abfall um ihre Hüften und den Hals surfen. Ihretwegen achte ich mich im Wasser nun auch mehr auf Abfall und bin mir nicht zu schade zu besagtem Objekt hinzupaddeln, um es herauszufischen. Sie setzt ein Beispiel für die Verantwortung, die wir Surfen übernehmen können, um zu zeigen wie es laufen könnte.

Edward Ccora Marquez

«Take care of our home planet. So far it’s the only one with waves»

Auch für den Shaper Edward ist es einer der grössten Anliegen. Seine United Boards hat sicherlich schon jeder gesehen, der in der Region Peru, Ecuador am Surfen ist oder war. Er shapet günstig gute und personalisierte Boards. Wenn ihr also in Huanchaco ein Board wollt: he’s the man! Er arbeitet auch mit Roxy und Mateo zusammen, die regelmässig Beach-Cleanups veranstalten und eine Organisation namens Share the Wave haben. *

[Lobitos]
Neben Chicama machen wir auch einen Ausflug in den Nationalpark in Huaraz, welcher wunderschöne Seen und hunderte Gletscher, die bis auf fast 7’000er Gipfel liegen, zu bieten hat. Nach einer Woche Wandern, Höhenkrankheit überstehen und eiskaltem Skinny Dipping in Gletscherseen, zieht es uns dann wieder zu einem anderen, uns neuen und vor allem sonnigen Surfspot: Lobitos. Mit dem Bus und dem Taxi sind es etwa 10 Stunden nördlich von Huanchaco. Im ersten Moment wirkt es wie ein Geisterstädtchen. Im alten Lobitos am Meer stehen halb zerfallene Häuser auf Stelzen, Ruinen von einem Bunker und diversen anderen Gebäuden, darunter eine Kirche. Auf der Strasse hat es nicht viele Leute, nur beim Surfen sieht man sie, oder wenn man in den neuen Teil mit all den Hostels geht. Das Städtchen birgt eine bewegte und spannende Geschichte; Es gehörte für etwa 70 Jahre einer britisch-amerikanischen Ölfirma, was auch all die Gasleitungen, die durch das Dorf führen, und die Ölplattformen im Meer erklärt. Danach wurde aufgrund einer militärischen Auseinandersetzung mit Ecuador das Städtchen vom Militär beschlagnahmt und in den 90ern dann wieder fast ganz freigegeben. Bis vor ein paar Jahren konnte man beim Spot Piscinas nur mit einer Genehmigung des Militärs surfen. Jetzt ist aber alles frei und Lobitos bietet eine grosse Variation von Wellen.

Tommo Barker

«Don’t be a Kelly Crab Stance, always push yourself, yew!»

Im Gegensatz zu den fetten, eher langsamen Wellen von Huanchaco und Chicama, sind die meisten Wellen in Lobitos schnell und hollow. Das heisst; Barrels jagen. Die Weisheit von Tommo kommt mir bei jeder Barrel-Welle in den Sinn, den die Stance in einer Barrel ist entscheidend. Beim Surfen geht es natürlich darum Spass zu haben, aber Style ist definitiv auch ein Faktor. Crab Stance oder auch Poo Stance genannt, ist leider ein oft gesehenes Malheur beim Barrelsurfen: Die Knie und Füsse zeigen in die entgegengesetzte Richtung und es sieht halt so aus als ob man am Kacken ist. Für mich waren es die ersten Barrel-Wellen, deshalb wurde es mir von Anfang an von dem Australier Tommo eingebläut, nicht die Crab Stance anzutrainieren.

Die Wellen in Lobitos helfen mir auch mich selbst zu pushen. Sie sind schneller, erfordern daher einen schnelleren Take-off. Sie sind steiler und somit geeignet Snaps zu üben. Und sie sind eben für Barrels gemacht, also übe ich meine Barrel Stance (ich habe aber keine erwischt). Es macht Spass sich in Wellen zu pushen, die man sonst nicht surft und es macht vor allem auch stolz und bringt die Befriedigung und Entspanntheit, von welcher Tomy spricht.

Bruno Vinicius Bonatto Pereira

«When going on a surf trip study the wind and swell direction that hit the surf spot so you can find good waves»

Lobitos ist der erste Ort, an welchem mehrere, verschiedene Spots an einem Ort zu finden sind. Vorher hatte es immer einfach nur einen Pointbreak. Je nach Swellrichtung und Windverhältnissen muss man sich also überlegen, wo gehen wir heute surfen und wann? Wenn man sich Zeit nimmt und auch einfach mal probiert, lohnt es sich zum Teil sehr. Unsere australischen Freunde sind erkundungsfreudig und laufen sogar fast 2 Stunden zu einem entlegenen Strand, weil sie annahmen, dass er super funktionieren könnte, nachdem sie die Verhältnisse studiert haben. Sie wurden leider enttäuscht. Doch wenn nicht und man findet diese perfekte menschenleere Welle, ist es das wert! So surfen wir Baterias allein und mit relativ guten Bedingungen. Wie sich in Zukunft zeigen wird, ist der Tipp von Bruno vor allem in Brasilien Gold wert.

Mateo Lazo

«For everything bad, there is the ocean. And for everything good, as well»

«Para todo mal, el mar y para todo bien, tambien»

Mateos Spruch fasst für mich das Surfen perfekt zusammen. Der Ozean regt in einem seine Gefühle, ob sie nun negativ oder positiv sind. Man will sich spüren, man will Befriedigung, Entspanntheit, Freude. Man pusht sich an seine Grenzen, spürt die Lungen brennen, die Finnen über den Fuss schrammen und das Board eines anderen Surfers am Kopf. Aber man will weiter machen, um diese eine perfekte Welle zu surfen. Und dann nochmal und nochmal.

*Alles über Share the Wave könnt ihr auf dem Waveup Blog nachlesen.